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Templin: schweigende Provinzen

Mit diesem Artikel verabschiede ich mich in eine einwöchige Urlaubspause. Kommentare können werden deswegen nicht sofort freigegeben werden, gleichsam Trackbacks.

Folgendes „Setting“: in der Stadt Templin gehen ein 18-Jähriger und 21-Jähriger bei einem 55-Jährigen Obdachlosen saufen. Dieser ist Obdachlos, nachdem seine Tischlerwerkstatt in Konkurs gegangen ist, seitdem lebt er in dieser alten Werkstatt. In der Nacht ist der ehemalige Tischler getötet und übel hingerichtet.

Nun beginnt die Fiktion. Zumindest anzuzünden versucht hat einer der Täter das Opfer, um die „Spuren“ zu verwischen. Via BILD-Online meldet sich die angebliche 17-Jährige Freundin des 21-Jährigen zu Wort („Ich liebe einen Totschläger“). Sie erzählt angeblich: „Sven (der 18-Jährige, s.u.) hat mit der Tat richtig geprahlt. Er sagte, dass er schon immer mal einen Menschen umbringen wollte. Christian (der 21-Jährige) hat zwar auch viel Mist gebaut, aber er würde nie einen Menschen umbringen.“ (1)
Die Polizei hingegen hat in ihrer Vernehmung festgestellt, das wohl der 21-Jährige zugab, dass der Tod durch Gewalteinwirkung herbeigeführt wurde, so die Lausitzer Rundschau, die den Artikel zum Thema euphemistisch mit „Saufkumpan getötet“ überschreibt. Gegen den 18-Jährigen wurde nach Informationen der LR Haftbefehl wegen Mord erlassen, das Tatmotiv sei allerdings unklar. Erschreckend sind die Parallelen zum Fall im Uckermärkischen Potzlow, auch hier töteten zwei Neonazis ihr Opfer, nachdem sie es stundenlang gequält hatten. Auch hier war den Tätern klar: minderwertig, denn das Opfer besaß einen Sprachfehler, trug weite Hosen und hatte blondierte Haare. Einer der Täter war bald wieder auf freiem Fuß, wurde aber danach wieder inhaftiert, weil er einen Linken niederschlug, wie die „Opferperspektive“ berichtet.

Nun beginnt das übliche Schema: der Bürgermeister von Templin meldet sich zu Wort. Er erkennt keine rechte Szene, sondern nur einige Menschen mit rechter Orientierung. Templin sei sicher. Das Wirtschaftsargument wird aus der Tasche geholt. Dem widerspricht das Mobile Beratungsteam, obgleich es die Infrastruktur bzgl. Sozialarbeit lobt.
Das mag auch eine Parallele in strukturschwachen Regionen zu sein, die vom Tourismus abhängen: Rechtsextremismus wird weder benannt, noch offensiv bekämpft, weil das dem Image schadet. Dann kommt der Knall, es wird beschwichtigt und alles geht weiter, bis zum nächsten Knall. Der Soziologe Heitmeyer nennt das (mehr als treffend!) Schweigespirale. Nichts ändert sich, alles wird schlimmer, wenn niemand aus den lokalen Zusammenhängen agiert. Die Amadeo-Antonio Stiftung hat dies sehr exemplarisch in einer Studie über ein Dorf in Sachsen dargestellt, in dem die NPD sehr viele Wählerstimmen erhält. Anderes „Setting“, aber gleiche Mechanismen. (2)

Erklärungsversuche: Der Chef der MBR in Brandenburg beklagt in einem Interview mit dem „Inforadio“ einen Werteverlust unter Jugendlichen, angesichts dessen, dass Jugendliche nun scheinbar bereit wären, ohne weiteres andere Menschen zu töten. Die NPD taucht bei Wilking korrekterweise als einer der Indikatoren auf, der solche Stimmungen und Hass gegen Obdachlose schüren würde. Und was macht die bürgerliche Mitte, wie geht sie mit Menschen in Notlagen um? Schafft sie nicht vielmehr das Klima, auf dem Parteien wie die NPD überhaupt aufbauen können? Auch hier ist eine Antwort in der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (3) von Wilhelm Heitmeyer zu finden: immerhin 34% stimmen der Aussage komplett oder ziemlich zu, das Obdachlose aus den Fußgängerzonen entfernt werden müssen. Ähnliche Größen ergeben sich bei den Aussagen über die Arbeitsscheue Obdachloser und deren „unangenehmes Auftreten“.
Gemeinhin gilt: Obdachlose sind selbst schuld. In der kapitalistischen Logik sind Obdachlose aus eigenem Verschulden gescheitert und verdienen deswegen keine Solidarität. Was sich in Vorurteilen gegen über Arbeitslosen manifestiert, wird gegenüber denen, die Teil der aller schwächsten Schicht der Gesellschaft sind umso hemmungsloser ausgelebt. Und so ist Templin ein weiteres Kapitel in einem traurigem Stück über Rechtsextremismus, schweigende Provinzen und dem (in-)direkten Unterstützen von Rechtsextremismus durch bürgerliche Replikation, in diesem Fall, sozialdarwinistischer Inhalte.

Ergänzung, 04.08.2008: Und tatsächlich: Same Old Story. Wie bei „No Nazi“ (siehe Verweis im Trackback) zu lesen, unterbindet der Bürgermeister ein Anti-Neonazi-Konzert eines Templiner Gewerbetreibenden, weil die Aktivitäten gegen Rechtsextremismus erst einmal „lokal“ koordiniert werden sollen.

Quellen: nach Inforiot

(1) Kritisches Lesen von Medien ist ein Muss, bei der BILD – gerade bei aufsehenserregenen Geschichten – sollte aber unbedingt gelten: die direkte Zitatweise von Personen ist in Zweifel zu ziehen; deswegen „angeblich“.
(2) näheres: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/materialien/material-analysen/, Analyse 2
(3) Zu Hilfenahme: „Deutsche Zustände“, Folge 6, edition Suhrkamp