Archiv der Kategorie 'Literatur'

Runde Geburtstage

Gestern hat Rieke die 20 voll gemacht, heute wäre Erich Mühsam 130 geworden. Der April scheint doch, so kann man meinen, recht viel Potential zu haben.

Zur Feier des Tages ein lustiges Mühsam-Gedicht über Straight-Edger. Das heißt zwar „Gesang der Vegetarier“, stimmt aber mit den ausdifferenzierten Formen des Vegetarismus heute nicht mehr so ganz überein – das sage ich insbesondere als biertrinkender Ovo-Lacto-Vegetarier.

Der Gesang der Vegetarier

Ein alkoholfreies Trinklied

(Melodie „Immer langsam voran“)

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Auch Früchte gehören zu unsrer Diät.
Was sonst noch wächst, wird alles verschmäht.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.
Doch manchmal spaddeln wir auch im Teich,
Das kräftigt den Körper und wäscht ihn zugleich
Wir sonnen den Leib und wir baden den Leib,
Das ist unser einziger Zeitvertreib.

Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.
Die Leichenfresser sind dumm und roh,
Das Schweinevieh – das ist ebenso.
Wir hassen das Fleisch, ja wir hassen das Fleisch
und die Milch und die Eier und lieben keusch.

Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.
Gemüse und Früchte sind flüssig genug,
Drum trinken wir nichts und sind doch sehr klug.
Wir trinken keinen Sprit, nein wir trinken keinen Sprit,
Denn der wirkt verderblich auf das Gemüt.

Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.
Wir setzen uns lieber auf das Gesäss
Und leben gesund und naturgemäss.
Wir rauchen nicht Taback, nein wir rauchen nicht Taback,
Das tut nur das scheussliche Sündenpack.

Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.
Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf,
So schmeissen wir euch eine Walnuss an den Kopf.
Wir essen Salat, ja wir essen Salat
Und essen Gemüse von früh bis spat.

nach muehsam.de

Fragment

Eine unglaubliche Geräuschkulisse in der S-Bahn. Ein Baby schreit, ein Musiker spielt auf einem Akkordium, eine junge Bewohnerin einer WG für betreutes Wohnen erzählt einer bloden Frau lautstark ihre Leiden, nachdem diese sie aus Mitleid angesprochen hatte, als sie vor sich hinbrabbelte. Ein Mann neben mir klappt sein Buch über Architektur zu und packt sie in seine Tüte voller antiquarischer Bücher. Auf einmal gibt es nur angenehme Töne. Unter meinen Kopfhörern läuft die neue Superpunk-CD.

Noch 11 Monate bis Weihnachten..

… weil ich mir aber bis dahin nicht warten kann, angesichts des heutigen Datums folgendes nettes Gedicht von Erich Mühsam:

Heilige Nacht



Geboren ward zu Bethlehem

ein Kindlein aus dem Stamme Sem.

Und ist es auch schon lange her,

seit’s in der Krippe lag,

so freun sich doch die Menschen sehr

bis auf den heutigen Tag.

Minister und Agrarier,

Bourgeois und Proletarier ­

es feiert jeder Arier

zu gleicher Zeit und überall

die Christgeburt im Rindviehstall.

(Das Volk allein, dem es geschah,

das feiert lieber Chanukah.)

Mehr bei der Erich Mühsam-Gesellschaft. Wer Erich Mühsam war? Wikipedia hilft

Kein schöner Land

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,

dies ist eine Premiere. Das erste Mal gelangt eine Kurzgeschichte an die Öffentlichkeit, in der
a.) 3 seltsame Personen,
b.) eine Landstraße und
c.) blutrünstige Ponys
eine Rolle spielen, und gar so lang ist, dass sie mit einem „More“-Button versehen werden muss.

Kein schöner Land

Und so gingen sie die Straße entlang. Jene eben so lange und doch einzige Straße dieses Dorfes, welches von einem schmalen Rinnsaal durchzogen wird, welches irgendwann mal ein Fluss gewesen sein mag. Es regnet, wie meistens.
- „Ich erlebe meistens den Regen. Die Sonne verschlafe ich. Aber eigentlich will ich sie auch gar nicht mehr sehen, sie erinnert mich an glückliche Zeiten. Die will ich aber hinter mir lassen.“
- „Hör auf zu saufen, das ist der beste Ratschlag, den ich dir geben kann.“
Das war das Ende des Gespräches zwischen den Beiden. Der mit dem guten Ratschlag bog nun ab, ließ den Einen im Regen stehen, stieg in sein Auto, ein ziemlich klapprigen Golf, und fuhr davon. Das Päckchen hatte er da da gelassen. Die Notversorgung. Der Eine fand es wie üblich im Vorzimmer seines Hauses, in das er zurück gekehrt war, nachdem der Andere ihn hatte stehen lassen. Er öffnete es. Alles wie üblich, alles in Ordnung. Und so legte er sich hin und schlief, während es draußen aufklarte.
Der Andere machte sich Vorwürfe. Selbstmitleid hasste er, für Leider hatte er auch kein Verständnis, schon gar nicht wenn dieses Leid selbstverschuldet war. Aber hätte er die Person wirklich allein lassen sollen? Wenn sich die Gerüchte bewahrheiteten, die im Dorf herumgingen, wäre das ein Fehler gewesen.
- „Sondermeldung.“ Das Radio war angesprungen, kurz nach der bedeutungsvollen Ansage war alles andere unverständlich. Auf dem Sender hörte man nur noch ein unverständliches Krisseln.
- „Verdammte Scheiße. Wo leben wir hier? Ist ja wie in einem Entwicklungsland!“ keifte der Notversorger.
-“Geisterfahrer“, wieder war das Radio kurz da, um sich dann endgültig zu verabschieden. Wenigstens schien jetzt die Sonne ein wenig, bevor sich die nächste Wolke vor sie schob, und verlieh den nassen Grasflächen einen seltsamen Schimmer. Und so fuhr er weiter, weiter, weiter.
Der Eine war inzwischen wieder erwacht, die Sonne endgültig hinter den Wolken verschwunden. Er lief durch ein Flaschenmeer, fiel auf eine solche, rammte sich eine Scherbe unweigerlich in die Hand und lief weiter, ganz andere Bedürfnisse trieben ihn. Kurz vor dem Klo entschied er sich dann doch dazu, die Scherbe vor dem Pinkeln aus der Hand zu ziehen. Blut tropfte auf den vergilbten Teppich.
(mehr…)

Sozialdemokratie im Fokus

Viel wird zur Zeit über die Zukunft der Sozialdemokratie geschrieben. Die beste Analyse hat allerdings Kurt Tucholsky 1921 geschrieben. Der neigte Leser ersetze einfach Scheidemann durch Gabriel und Weissmann durch Beck – fertig.

Sozialdemokratischer Parteitag

Wir saßen einst im Zuchthaus und in Ketten,
wir opferten, um die Partei zu retten,
Geld, Freiheit, Stellung und Bequemlichkeit.
Wir waren die Gefahr der Eisenwerke,
wir hatten Glut im Herzen – unsre Stärke
war unsre Sehnsucht, rein und erdenweit.
Uns haßten Kaiser, Landrat und die Richter:
Idee wird Macht – das fühlte das Gelichter …
Long long ago –
Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Wir sehn blasiert auf den Ideennebel.
Wir husten auf den alten, starken Bebel –
Wir schmunzeln, wenn die Jugend revoltiert.
Und während man in hundert Konventikeln
mit Lohnsatz uns bekämpft und Leitartikeln,
sind wir realpolitisch orientiert.
Ein Klassenkampf ist gut für Bolschewisten.
Einst pfiffen wir auf die Ministerlisten …
Long long ago –
Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Uns imponieren schrecklich die enormen
Zigarren, Autos und die Umgangsformen –
Man ist ja schließlich doch kein Bolschewist.
Wir geben uns auch ohne jede Freite.
Und unser Scheidemann hat keine Seite,
nach der er nicht schon umgefallen ist.
Herr Weismann grinst, und alle Englein lachen.
Wir sehen nicht, was sie da mit uns machen,
nicht die Gefahren all …
Skatbrüder sind wir, die den Marx gelesen.
Wir sind noch nie so weit entfernt gewesen,
von jener Bahn, die uns geführt Lassall‘!

via Textlog

Bücher August 2008

Wenn mal im Urlaub ist, hat man naturgemäß eine ganze menge Zeit zum Lesen. Folgend mal einen Überblick, was ich gelesen habe – mit der ein oder anderen positiven Weiterempfehlung.

Henryk M. Broder – Der ewige Antisemit

Ein paar Jahre bevor anti-deutsche und anti-imperialistische Strömung in der Linken sich ausdifferenzierten, nahm sich Henryk M. Broder den linken Antisemiten an. In seinem Buch zeigt er an Hand vieler Beispiele, was es heißt, wenn einige „Antizionismus“ brüllen, um ihren Antisemitismus zu kaschieren. Broder spitzt geschickt zu und stellt die richtige Fragen, und tut somit vieles, was man in seinen heutigen Texten vermisst. Ein Buch, das zum Nachdenken anregt und in seiner Neuauflage mit einem aktuellen Vorwort vorsehen ist, stellenweise aber aber etwas langatmig ist.

Günter Amendt – No Drugs, No Future

Ein höchstinteressantes Buch über Drogen und Drogenpolitik in Zeiten der Globalisierung und dem immer stärker Flexibilität einfordernen kapitalistischen System, hat Günter Amendt geschrieben. Grundthese des Buches ist, das die Prohibitionspolitik gescheitert ist, eine „drogenfreie“ Gesellschaft auch vielmehr der einer flexibel-kapitalistischen unvereinbar gegenüber steht. Amerdt zeigt auch die Profiteure der illegalen Drogenproduktion, sowie all jene, die von der Probihition proftieren auf. Während ersteres vor allem terroristische und kriminelle Gruppen sind, sind bei letzteren die Pharmakonzerne, die teils Mittel herstellen, die ähnliche Punkte und Wirkung haben, aber völlig legal sind. Auch auf die ökologischen Folgen des amerikanischen „War on Drugs“ wird eingegangen. Schlussfolgerung ist eine Drogenpolitik der praktischen Vernunft, d.h. die (kontrollierte) Abgabe sämtlicher Drogen in staatlichen Geschäften, ein Konzept was im wesentlichen auch die Idee des Drogenfachgeschäftes wiederspiegelt, die z.B. die Grüne Jugend vertritt. Durch die verständliche Schreibweise und die logische Argumentation ist das Buch auch für all die empfehlenswert, die sich bisher noch nicht mit dem Thema auseinander gesetzt haben.

Roger Willemsen – Hier spricht Guantanamo

Roger Willemsen hat mit verschiedenen Ex-Häftlingen in Guantanamo Interviews geführt und sie neben ihren Erlebnissen in dem Gefängnis auf Kuba auch nach ihrer Vorgeschichte gefragt. So werden verschiedene Praktiken und das System von Guantanamo dargestellt. Der Interview-Band ist interessant zu lesen. Da einige Ex-Häftlinge über eine islamistische Bewegung aus Usbekistan nach Afghanistan gelangten, wäre ein genaueres Nachfragen, was z.B. in deren Camps geschah aufschlussreich gewesen – einfach um das Bild abzurunden.

William T. Vollmann – Afghanistan Picture Show

1979 entschließt sich der Amerikaner William T. Vollmann nach Afghanistan zu gehen, um dort den Kampf der Mudschahedin gegen die Sowjets fotografisch zu dokumentieren. Mit Ergebnis, der „Afghanistan Picture Show“, will er in Amerika Geld sammeln und eine Unterstützung für die Kämpfer gewinnen. Vorher befindet sich aber vor allem im Grenzgebiet zu Parkistan. Als er dann endlich nach Afghanistan mitkommen kann, ist er den Strapazen nicht gewachsen. Auch sein Ziel erreicht er nicht. Seinen 1982 geschriebenen Reisebericht kann er erst 1992 veröffentlichen und es dauert noch mal 11 Jahre bis das Buch nach Deutschland gelangt. Der vorliegende Reisebericht ist vor allem eins: sehr speziell und gewöhnungsbedürftig – er schreibt in Form von Gedankenschnippseln. Trotz der Parteilichkeit für die Mudschahedin interessant zu lesen. Wer sich für Afghanistan nach dem Krieg interessiert, dem sei an dieser Stelle noch Roger Willemsens „Afghanische Reise“ empfohlen.

Jonathan Safran Foer – Alles ist erleuchtet

Ich hatte hier ursprünglich eine Art Reiseroman erwartet, herausgekommen ist etwas ganz anderes, denn Foers Reise in die Ukraine ist nur ein Teil der Buches, der aus der Sicht seines Begleiters Alex erzählt wird. Der andere Teil beschreibt die Geschichte des Shetls (jiddisch – „Dorf“) und die Geschichte Foers Famillie, die mit leicht fantastischen Elementen durchsetzt ist und leider etwas kitschig geraten und so war ich dann am Ende – auf Grund anderer Annahmen beim Kauf – sehr enttäuscht, auch wenn es dem Buch das stellenweise durchaus orginell und bewegend ist, vielleicht etwas unrecht tut.

Xaver Bayer – Die Alaskastraße

Xaver Bayer hat quasi das Buch zum neuen Tocotronic-Album „Kapitulation“ geliefert, denn auch hier zerstört der Ich-Erzähler seinen Leben auf – weil es sinnlos ist, weil er frei sein will. Erst gibt er seinen Job auf, meldet sein Handy ab und lässt seinen schmierigen Arbeitskollegen Ralf im Regen stehen. Nun vermeintlich frei gibt er sich auf Reise mit seiner Freundin Conny. Doch auch hier trägt er Konflikte in seinem Inneren aus und projeziert seinen Selbsthass auf Conny. Nach einem Saufgelage im Ferienhaus haut er ab und flüchtet auf eine Insel, um nur nach wenigen Tagen nach Wien zurück zu kehren. Dort packt er seine Sachen und setzt sich in sein Auto. Als er eine schwangere Füchsin überfährt und auch sein Auto zu Schrott fährt, begibt er sich auf einem Weg namens „Alaskastraße“ in den Wald. Die komplette Einsamkeit. Erst als nackt und verwundet über ein Feld läuft, spürt er Freiheit – denn alle Zwänge sind überwunden. Antibürgerliche Popliteratur, auf die man sich allerdings etwas einlassen muss.

Frank Schätzing – Mordshunger

Viel muss man hier nicht schreiben, handelt es sich doch um einen Krimi, der die üblichen Zutaten ganz nett wieder reproduziert.