Archiv der Kategorie 'Leseempfehlung'

Tibet, Nr. 2

Die taz hat heute unverzeilicherweise „verboten“ einer Anzeige der Tibet-Initiative geopfert, und auch im gesamten Heft findet man vor allem den Dalai Lama. Küppersbusch wirkt da mal wieder als Korrektiv:

Der Dalai Lama ist im Lande. Was fasziniert die Deutschen so an dem Religionsführer?

Der Lama bietet seit Jahrzehnten allerlei „Der weise Onkel wirds schon-richten“-Projektionen geringstmöglichen Widerstand. Hinzu tritt aktuell schwer benennbare Angst vor der eigenen Unwissenheit über China. Hätte Frau Illner im ZDF versehentlich die Karteikärtchen fürs nächste Ratzinger-Interview genommen, es hätte eine Jahrhundert-Entzauberung werden können: „Wieso wurden Sie nicht demokratisch gewählt? Warum schließen Sie Frauen aus? Sind sie nun spiritueller Führer oder weltlicher? Trifft es zu, dass es in der Geschichte Ihrer Religion niemals Demokratie gab?“ Die Medien sind in einen Taumel des Tollfindens verfallen, der sehr gnädig als „Pop-Politik“ zu deuten wäre. (…)

via taz

100 Jahre Tel Aviv

Vor fast einhundert Jahren kamen einige Juden in Palästina auf die Idee, eine neue Stadt am Meer zu gründen – und seit 75 Jahren spricht man dort auch Deutsch: Für die „Jeckes“, vor den Nazis geflüchtete deutsche Juden, war es ein schwieriger Neubeginn in der weißen Stadt. Doch heute werden sie für ihre Aufbauarbeit verehrt. Ein Besuch bei den letzten Überlebenden.

Höchst interessanter Artikel, zu finden in der Print- und Onlineausgabe der taz.

Projektion in der Tibet-Debatte

Das was eigentlich schon bei der ganzen vorherigen Tibet-Debatte zumindest mal kritisch erwähnt werden hätte müssen, bringt Stefan Reinecke heute in der taz anlässlich des „Skandals“ in der hamburger Bürgerschaft um die Abgeordnete Schneider auf den Punkt:

Die Hamburger Linkspolitikerin Christiane Schneider hat den Dalai Lama mit dem Ajatollah Chomeini verglichen. Genau genommen hat sie nur darauf hingewiesen, dass die Welt mit religiösen politischen Führern keine guten Erfahrungen gemacht hat. Zudem hat sie auch China zur Einhaltung der Menschenrechte angemahnt. Doch das zählte nicht mehr. Denn ist die Erregungsgesellschaft erst mal in Fahrt geraten, kommt es auf Details nicht mehr an. Eine „schlimme Entgleisung“, so tönt es seitdem aus Union und SPD. (…) Es ist bestimmt nicht klug, den besonnenen Dalai Lama, der auf friedlichen Protest setzt, mit dem gewalttätigen Hassprediger Chomeini zu assoziieren. Aber eine kritische Haltung zum Dalai Lama ist noch kein Ausweis totalitärer Gesinnung.

(…) Aufschlussreicher als die Rede selbst ist das uniforme Echo, das sie ausgelöst hat: Es erinnert an Rudelverhalten. Offenbar gilt hierzulande das ungeschriebene Gesetz, dass der Dalai Lama sakrosankt ist – und wer sich daran nicht hält, wird symbolisch ausgeschlossen. Manche lassen dem Dalai Lama eine pseudoreligiöse Ehrfurcht angedeihen. Dabei mag die Sehnsucht nach einem Vorbild in vorbildarmen Zeiten eine Rolle spielen und dass sich Tibet für exotistische Wunschbilder eignet. Die maßlose Kritik an Schneider zeigt, wie viel Projektion beim Thema Tibet im Spiel sind.

nach: taz.de

Nachtrag:
Nicht mal das Linkspartei & Lafontaine-Hausblatt „junge Welt“ (i.Ü. Jürgen Elsässer arbeitet jetzt nicht mehr für die junge Welt, sondern arbeitet jetzt für das „Neue Deutschland“, weil er dort besser eine „Volksfront“ agitieren kann) will den Äußerungen etwas abgewinnen. Werner Pirkner schreibt (oder besser gesagt, zerzapft, das was man von ihm erwartet):

(…) Dabei waren Schneiders Worte ohnedies auf Anpassung an den herrschenden »Common sense« ausgerichtet. Ganz im Geist des aufgeklärten, säkularen, demokratischen usw. Westens kritisierte sie religiös inspirierte Regime, wobei sie die theokratische Herrschaft in Teheran als negativen Bezugspunkt setzte. Das macht den Vergleich zwischen dem islamischen Wüterich und der buddhistischen Sanftheit in Person aus der Sicht ihrer Kritiker um so unerträglicher. Der Vergleich ist tatsächlich völlig unangebracht. Khomeini war der Inspirator einer antiimperialistischen Volkserhebung, die das Antlitz der Region entscheidend verändert hat. Der Dalai Lama ist ein schmieriger Kostgänger des Westens, der die Vergangenheit einer parasitären Mönchsdiktatur verkörpert. (…)

nach: Abweichlerin des Tages

Claus Peymann will sich keine Hose kaufen …

… sondern redet mit der SZ über Geld. Auch wenn er sonst viel Blödsinn erzählt, so ist das Interview doch unterhaltsam:

(…)
SZ: Klingt alles ein bisschen wie Ausreden für die Schwäche des Theaters.
Peymann: Heute wird Theater manchmal zu einer egomanischen Nabelschau. Wen interessieren die Probleme, die Regiejungstars mit ihrem Pimmel oder ihrer Mutti haben? Das Theater ist vielerorts von einer moralischen Anstalt zu einer Schmuddelbude verkommen. Natürlich habe ich nichts gegen Nackte auf der Bühne, wenn es überzeugt.
(…)
Peymann: (…) Europa baut längst an einer Mauer, gegen die die Berliner Mauer ein Witz war: gegen die Dritte Welt! Und Afrika begehrt auf. Boatpeople auf Teneriffa und überall. Unser Reichtum ist gestohlen.
SZ: Diese These ist doch völlig überholt.
Peymann: Das müssen Sie ja sagen sonst hätten Sie ja nicht Ihren Job im Wirtschaftsteil der Süddeutschen.
(…)
SZ: Wie verträgt sich Ihre Gage mit der Ankündigung, „ein Reißzahn im Arsch der Mächtigen“ zu sein?
Peymann: Soll ich hungern, weil ich für eine andere Gesellschaft bin? Sie Geldfritzen von der SZ entlarven mich bei gar nichts. Als ich nach Berlin kam, sagte ich dem Kultursenator: Ich möchte 10.000 Mark im Jahr mehr verdienen als der bestbezahlte Intendant. Das war damals Frank Castorf von der Volksbühne. Die Gage wurde genehmigt. Nachher stellte ich fest, dass ich 150.000 Mark im Jahr weniger verdiente als vorher in Wien. Ich hab‘ mich in den Hintern gebissen. (…)

Mehr? Hier!

Kurz & Knapp

Auf Süddeutsche.de findet sich ein Artikel über rechte Esoterikfreaks.

„Halt’s Maul, du Zwerg!“

Während sich Nazis und andere Deutschtümler so gerne an „Heldensagen“ wie dem „Nibelungenlied“ aufgeilen, hat die taz auf ihrer Satireseite durch die Übertragung in die Moderne diese der berechtigten Lächerlichkeit preisgegeben.

Neulich im Fernsehen – Die Nibelungen bei Britt – Thema: Familienkrach VON CORINNA STEGEMANN

Britt: „Willkommen zu meiner Sendung mit dem Thema ‚Familienkrach – Warum können wir uns nicht liebhaben?‘ Mein erster Gast heißt Brunhild, und was sie uns zu erzählen hat, das hören wir jetzt von ihr selbst. Willkommen, Brunhild!“
(Das Publikum applaudiert, Brunhild tritt ein, sie trägt einen schwarzen Schlabberpulli und einen langen weiten Rock, ihre langen, schwarzen Haare wirken ungepflegt.)
Britt: „Was hast Du auf dem Herzen, Brunhild, warum bist Du hier?
Brunhild (in prolligem Tonfall): „Ja, und zwar, ich will jetzt endlich mal den Gunther und den Siegfried zur Rede stellen, und dass die mal endlich das zugeben.“
Britt: „Ich verstehe nicht, wer sind denn der Gunther und der Siegfried und was sollen die zugeben?“
Brunhild: „Ja, und zwar, der Gunther ist mein Mann und der Siegfried ist sein Schwager, und mein Ex-Verlobter, und die Kriemhild, meine Schwägerin, hat gesagt, das wäre damals in der Nacht gar nicht der Gunther gewesen, sondern der Siegfried, der mir meine Kraft und Unschuld stahl, und das will ich jetzt wissen, weil die Kriemhild, die lügt ja eigentlich eh, wenn sie nur ihr stinkendes Maul aufmacht, aber ich habe mich auch schon gewundert, als der Gunther mich im Weitsprung besiegt hat.“
(Britt guckt gewohnt dämlich aus der Wäsche, sie versteht – wie immer – kein Wort)
Britt: „Ich verstehe – wie immer – kein Wort. Holen wir den Gunther und den Siegfried doch mal rein, damit sie sich zu der Sache selbst äußern können.“
(Gunther und Siegfried treten ein. Gunther ein schwächliches, graues Männlein, Siegfried der strahlende Muskelmann. Sie setzen sich feixend an die andere Seite des Sofas)
Britt: „Also, Gunther und Siegfried “
Brunhild (fällt ihr sofort ins Wort und keift): „Ihr miesen Schweine, das zahl ich euch heim, ihr Wichser, ihr hinterlistigen Machos, ihr “
Britt: „Also, Brunhild, das finde ich jetzt “
Siegfried: „Ach, halt den Rand, du garstige Vettel, und eins sag ich Dir: Wenn Du meine Kriemhild noch ein einziges mal eine Lügnerin nennst, dann komm ich dir da gleich mal rüber, pass mal auf du, dann krachen hier die Knochen!“
Britt: „Also, Siegfried, das finde ich jetzt “
Gunther (hastig): „Ich war das ganz alleine, kein unsichtbarer Siegfried hat mir beim Wettkampf geholfen und in der Hochzeitsnacht habe ich es auch ganz alleine geschafft, mit der Brunhild naja, du weißt schon Britt “
Einer aus dem Publikum (zirka 130 Zentimeter groß): „Der Siegfried, der ist nicht nur ein Betrüger, der ist auch ein Dieb, die Tarnkappe hat er mir geklaut!“
(Vertreter der Tierschutzorganisation PETA im Publikum entrollen ein Transparent auf dem in großen, roten Buchstaben geschrieben steht: SIEGFRIED – DRACHENMÖRDER! VERGELTUNG FÜR FAFNIR!)

(…)

den Rest gibt es hier.

Alles Gaza?

(…) Der Daseinszweck der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) ist es, die Bürger des Staates gegen Angriffe zu verteidigen. Auch wenn der Erfolg einer Militäroperation nicht garantiert ist, darf die Furcht davor die Regierung nicht daran hindern, das Erforderliche zu tun, um das Leben ihrer Bürger und die Grenzen des Staates zu schützen. Die Lösung des israelisch-palästinensischen Konfliktes ist politisch, und darauf muss man ständig hinstreben. Gleichzeitig muss Israel beweisen, dass das Blut seiner Bürger kein Pfand ist – auf dass seine Nachbarn zukünftig die Abkommen einhalten, auf die sie sich verpflichten.

Mehr muss zum Thema Gaza nicht gesagt werden, als eben das, was am Montag als Leitartikel in Haaretz stand und sich in deutscher Übersetzung im Newsletter der israelischen Botschaft befindet.

via dissidenz

Querfront

Heute gibt es in der jungen Welt wieder ein schönes Beispiel für die, von dieser „Tageszeitung“ so gerne betriebenen Querfront zwischen links-autoritären und offen nationalistischen Kräften. In ihrer Samstagsausgabe lässt sie einen Unterstützer des Kandidaten der rechtsradikalen SRS zu Wort kommen und lässt Aussagen wie:

Mit 40 Prozent lag Nikolic in der ersten Wahlrunde am 20. Januar 4,6 Prozentpunkte vor Amtsinhaber Boris Tadic von der Demokratischen Partei (DS). Wie ist Ihre Prognose für die Stichwahl am Sonntag?

Ich sehe die Wahl als Referendum über unsere Befreiung. Mit Nikolic wäre ein Übergang in eine echte »souveräne Demokratie« nach aktuellem russischem Vorbild möglich. Ich schätze, er wird mit 52 Prozent gewinnen.

unhinterfragt. Auch lernen wir in dem Interview, das sebische Hardcore-Nationalisten nun eigentlich ziemlich linke Sozialdemokraten sind. Und so lassen wir Erich Rathfelder in der taz das Korrektiv übernehmen:

Der leicht favorisierte Präsidentschaftskandidat, Tomislav Nikolic von der Radikalen Partei, ist ein gefährlicher Mann, selbst wenn ihm manche Kommentatoren eine soziale Ader unterstellen und Peter Handke ihn sogar wählen würde. Schließlich kümmern sich auch Rechtsradikale um soziale Probleme in ihrer Nation. Das ist ja spätestens seit Auftreten der Nationalsozialisten keine neue Erkenntnis

„Die Mauer muss weg“

- so titelte die taz vergangene Woche nach der Sprengung des Grenzanlage in Rafah. Und neben den sonstigen Ausfällen Broders über die „Islamisierung“ Deutschlands, gibt es einen guten Artikel auf SPON, der den Nagel auf den Kopf trifft.

via Planet Hop

Heuschrecken als Projektionsfläche

Sympathische Heuschrecken
Foto: flickr.com / osy59; Lizenz CC

Was haben diese possierlichen Tierchen den Linken angetan? In Broschüren der Gewerkschaft ver.di bindet man sie in einer Karikatur, abseits der feierenden Gemeinschaft, an Bäume. Das scheint verständlich nachdem die Heuschrecken in dem reichbebilderten Heftchen „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur“ Fabriken und Immobilien „ausgesaugt“ haben, sie in riesigen Schwärmen eingefallen sind (wobei ihnen natürlich selbstredend von der deutschen Bundesregierung der Teppich ausgerollt wurde oder andere „Kollaborateure“ ihnen die Dämme gebrochen haben).

Die Heuschrecke wird zur Versinnbildlichung einer externen Macht, die eine homogene, zumindest aber interessengleiche Gemeinschaft angreift. Der in den großen Gewerkschaften leider inzwischen übliche Standortnationalismus findet hier also sein passend Bild in einem Insekt. Ein Bild, welches auch bei wenig politischen Menschen klare negative Emotionen auslöst.

Die Personifikation des singulär betrachteten Finanzkapitalismus mit „Heuschrecken“ wurde zu allererst von Franz Münterfering betrieben und ist inzwischen bis weit in die Linke hinein tragfähig geworden. Ideologisch folgt also eine Trennung zwischen Finanz- und Produktivkapital, mit der logischen Schlussfolgerung das nur die Finanzmärkte reguliert oder das Finanzkapital selbst abgeschafft werden muss, um die heile Welt der „sozialen Marktwirtschaft“ wieder herzustellen. Ein Trugschluss, wie die „Finanzkapital AG beim ver.di-Bezirk Stuttgart“ feststellt (1):

(…) So wird die Weltwirtschaft schon lange nicht mehr durch die reale Produktion, sondern vor allem durch den Finanzüberbau am Laufen gehalten. Es ist gerade der viel gescholtene spekulative Sektor mit seinen Finanzblasen, der eine immer unrentabler werdende Sphäre der Produktion alimentiert und Geldmengen generiert und in Umlauf hält, wie es der produktive Bereich nie leisten könnte. Die mit rein spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne sind mittlerweile ein unverzichtbarer Posten im Haushalt von Unternehmen, Staaten und Privatleuten geworden. Die enorme Staatsverschuldung der USA ist letztendlich der „Motor der Weltwirtschaft“. Finanzspekulation lässt sich nicht von den anderen ökonomischen Vorgängen im Kapitalismus trennen und anschließend bekämpfen. „Finanzmärkte und Realwirtschaft laufen auseinander“ heißt es an anderer Stelle. Aber würde man die Spekulationskrücke entfernen, dann würde die Weltwirtschaft gar nicht mehr funktionieren. Eine isolierte Spekulationskritik geht folglich ins Leere.

(…) Dass Kapital dahin fließt, wo der höchste Profit zu erwarten ist, diesen zu realisieren sucht und sich danach „ohne jede Rücksicht auf Verluste“ entweder anderen Betätigungsfeldern widmet oder die Ausbeutungsrate am gerade bearbeiteten Objekt noch einmal zu steigern sucht – dies ist dem Kapital immanent. Neu ist lediglich, dass unter den Bedingungen globaler mikroelektronischer Vernetzung immer größere Teile des Kapitals diese ihm innewohnende Tendenz in wesentlich schnellerem Tempo und wesentlich „effektiver“ realisieren können als zuvor (quasi „gleichzeitige“ Präsenz überall auf dem Globus). Auch hier wäre es also richtig, darauf zu verweisen, dass der moderne, informationstechnisch enorm aufgerüstete und globalisierte Kapitalismus seine Grundtendenz heute nur umso radikaler ausleben kann, anstatt das vermeintlich gute produktive dem schlechtem spekulativen Kapital gegenüberzustellen. (…)

Sind deswegen Protest gegen den Verkauf von Wohnungen oder Betrieben an Hedge-Fonds illegitim? Grundlegend nicht. Die Ideologie hinter den Protesten muss aber aufgrund der im Zitat erläuterten Gegebenheiten hinterfragt werden. Andernfalls landet man auf dem Holzweg, wie die Gewerkschafter aus Stuttgarten zum Abschluss erläutern; auch unter der Berücksichtigung der Konnonation der Metapher der „Heuschrecke“ im 3. Dritten Reich:

(…) Die Heuschreckenmetapher ist in Deutschland spätestens seit Veit Harlans „Jud Süß“ eindeutig antisemitisch besetzt: „Wie die Heuschrecken fallen sie über uns her!“ Dass die Juden Träger der „Geldgier“ seien, gehört zu den bis heute am hartnäckigsten verbreiteten antisemitischen Stereotypen. Die Kombination aus beidem bereits auf dem Titelblatt bietet geradezu ideale Andockpunkte für antisemitische Projektionen.
Wir betonen ausdrücklich, dass wir niemandem der Verantwortlichen irgendwelche Absichten in diese Richtung unterstellen. Das wäre in der Sache völlig daneben und obendrein persönlich unfair. Uns geht es um eine teilweise in der Gewerkschaft verbreitete erschreckende Unsensibilität, ggf. auch Unkenntnis, die dringend überwunden werden sollte.

(…) Aber selbst wenn überhaupt niemand beim Stichwort „Heuschrecken“ an „Juden“ denken würde – wovon wie gesagt nicht auszugehen ist – bliebe die Sache hochproblematisch. Denn dieses äußerst stammtischkompatible Bild bedient die verbreitete Stimmung, wonach „wir alle“ von einigen wenigen Gierigen, die „uns“ belügen und betrügen, übers Ohr gehauen werden. Es ist unübersehbar, wie sich diese einfältige und hochgefährliche „Welterklärung“ in immer mehr Köpfen einnistet. Sie gebiert heute schon (wieder!) den Ruf nach dem starken Mann, der endlich „damit aufräumt“. Das Heuschreckenbild bedient dieses plumpe Weltbild geradezu ideal.

Dass solche Bilder „spontan“ unter den Menschen entstehen, ist schlimm genug, aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn ein Gewerkschaftsapparat diese Bilder bewusst in die Organisation hineinträgt. Die Geister, die wir damit rufen, werden wir nicht mehr los.

Wo so mancher landet, wenn er seinen Fetisch für die Kritik am Finanzkapital zu sehr auslebt, kann man an so manchen Gesell- und Freigeldanhänger erkennen. Denn hier ist das Finanzkapital ideologisch zu einem Monster mutiert, welches sich gar gegen seinen Quasi-Bruder „Produktivkapital“ stellt; sich also produktivkapitalistische Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem seltenen Einklang im Würgegriff der ausbeuterischen Verschwörung Weniger befinden. Je nach beliebiger verschwörungstheoretischer Ausrichtung können diese gedanklichen Bilder mit antiamerikanischen, antisemitischen und bei einigen, die einen exessiven Hass auf Freimaurer pflegen, auch antifreimauerischen Projektionen ausgestaltet werden.

Die berechtigte Frage heißt nun: was folgt daraus? Auch darauf hat die ver.di-AG Finanzkapital eine vernünftige Antwort:

(…) Was heißt das alles für die Gewerkschaften? Mit Sicherheit nicht, sich dem Schicksal ergeben, „weil man ja doch nichts machen kann“. Ebenso wenig, dass man auf abstrakte „Revolutionspropaganda“ umschalten sollte. Es bleibt uns nichts, als das zu versuchen, was wir sowieso im Wesentlichen noch machen (aber bitte mit größerer Verve, nur das ist wieder ein anders Thema): Notwehrmaßnahmen gegen die schlimmsten Zumutungen ergreifen, nach Möglichkeit Grenzen setzen und dort, wo es möglich ist, auch Verbesserungen durchsetzen, seien sie auch zeitweilig und brüchig. Insofern ist es natürlich prinzipiell richtig, Forderungen an den Staat zu stellen. Wir sollten uns dabei allerdings vor der Illusion hüten, es könne wieder einen politisch regulierten Kapitalismus nach dem Vorbild der 50er und 60er Jahre geben. Diese Zeiten sind vorbei. Angesagt ist Gegenwehr unter den Bedingungen eines zunehmend krisenhaften Kapitalismus. Deswegen ist es für die Gewerkschaften überlebensnotwendig, ihre tagtägliche konkrete Arbeit mit der Verbreitung einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik zu verbinden. Eine isolierte Kritik des „Finanzkapitalismus“ muss dagegen oberflächlich und falsch bleiben, sie bedient, wenn auch ungewollt, nicht die Kritik, sondern das Ressentiment.

(1) Mensch, denk weiter! – „Heuschrecken“ sind keine Erklärung…