Archiv der Kategorie 'Atomenergie'

Stückwerk für die Atomindustrie

Ich habe mir einen SPIEGEL gekauft. Das tue ich sonst aus Prinzip nicht, weil das meistens zu cholerischen Anfällen beim Lesen führt. Jetzt bin ich nochmal mit guten Willen dran gegangen und die Ausgabe „Das unheimliche Comeback“ über Atomenergie gekauft. In der Tat werden sich die Chefetagen der Energiekonzerne freuen: ein Plädoyer für Laufzeitverlängerungen auf gut 12 Seiten.

Auch beim SPIEGEL hat man scheinbar immer noch nicht kapiert: Energiepreis ungleich Strompreis, trotzdem muss doch der steigende Energiepreis als eines der Hauptargumente, nach dem üblichen SPIEGEL-Vorgeplänkel, für eine Laufzeitverlängerung von AKWs herhalten. Der Strompreis kann bei diesen Effekten aber nicht in dem Maße wie die Primärenergiepreise steigen. Mit Öl wurde 2005 2% Strom erzeugt, rechnet man jetzt das, durch die Kopplung mit Erdöl ebenfalls von den Preissteigerungen betroffene Erdgas dazu, wurden 2005 rund 13% des Stromes durch diese beiden fossilen Energieträger produziert. Beim Primärenergieanteil (Strom, Wärme, Verkehr), betrug der Anteil an Öl- und Erdgas allerdings 48,7%. Hier sind aber AKWs eben keine Lösung, da sie keinerlei Fernwärme produzieren und selbst die Energiekonzerne dies ausschließen. Und so wird eben dieses Argument mehr oder minder zum Rohkrepierer, weil Öl keinerlei Rolle in der Stromerzeugung spielt und die Kopplung von Erdgas- und Ölpreis eine unkehrbare politische Entscheidung ist. Das beste Mittel gegen hohe Strompreise heißt dann immer noch: Energiekonzerne zerschlagen, dezentralisieren und rekommunalisieren, davon steht im SPIEGEL-Artikel kein Wort.

Ansonsten, neben einigen kritischen Tönen zur Endlagerproblematik, dem teuren und schleppenen Bau von neuen Atomkraftwerken, den Fehlschlägen bei der Entwicklung der Brütertechnologie u.ä. hält man im SPIEGEL dann doch an dem Märchen der klimafreundlichen und billigen Atomkraft fest. Wenn AKWs abgeschrieben sind, sind sie in der Tat „billig“, aber eben auch nur, weil sie vorher massiv subventioniert wurden und werden; z.B. deswegen, weil die Betreiber nur einen geringen Teil der Haftpflicht selbst zahlen müssen – das große finanzielle Restrisiko trägt der Staat. Darüber hinaus: auch der Rohstoff Uran ist ein endlicher Rohstoff, je mehr AKWs, desto größer die Nachfrage nach dem Uran und gleichsam eine entsprechende Preissteigerung. Klimafreundlicher als Kohlekraft ist ein Atomkraftwerk sicherlich, aber ein Haushalt benötigt ebenfalls Wärme und die wird meist zusätzlich durch ein fossiler Brennstoff erzeugt- und so ist der „Klimabonus“ dann beim Heizen wieder raus. Effizient ist z.B. ein Biogas-Blockheizkraftwerk, was sowohl Wärme, als auch Energie produziert und einen Wirkungsgrad von 90% hat. Sicher ist Biogas an einigen Stellen auch nicht gerade unproblematisch – die Verstromung von organischen Elementen aber effektiver, als dessen spätere Verbrennung im Autotank.

Eine Stilblüte des Artikels ist auch der Beginn: die Schrottreaktoren Biblis A und B müssen als Hoffnung eines hessischen Dorfes herhalten, die Bürgermeisterin träumt gar von einem Schwimmbad, welches mit der Abwärme des AKWs genutzt wird – die politische Durchsetzbarkeit hält die SPD-Frau dann aber realistischer Weise für gering. Zitiert wird bis auf einen Greenpeace-Experten auch keine Kritiker, sondern nur Befürworter, von neuen Meilern oder zumindest längeren Laufzeiten. Schade drum und: Wo ist bloß der kritische Journalismus hin?

Evolutionärer Rückschritt

Die Atomenergie ist weltweit auf dem Rückzug. Zum Jahresbeginn wurden 7 Reaktoren (1) in Europa abgeschaltet. Medial findet das kaum Beachtung. Durch den Bau des finnischen Reaktors „Olkiluoto 3″ wird vielmehr das Bild erzeugt, dass sich Deutschland mit dem „Atomkonsens“ auf einem Sonderweg befinde.

Im Mai 2002 beschloss das finnische Parlament mehrheitlich den Neubau eines AKWs in Finnland und damit den ersten Reaktorneubau in Europa seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986. Der Druckwasserreaktor EPR sollte ohne staatliche Beihilfen gebaut werden und Ende 2009 ans Netz gehen.

Die Abkürzung EPR steht ausgeschrieben für „European Pressurized Water Reactor“. Das Konzept des EPR basiert auf einem, von Siemens und dem französischen Staatskonzern Framatom, in den 90er Jahren entwickelten Druckwasserreaktor. Nach der Fusion der Framatom mit der nuklearen Sparte von Siemens zum Konzern Avera NP wurde das Modell weiter entwickelt. Nach Angaben des Konzern soll es sich bei Olkiluoto 3 um einen „große[n] fortschrittliche[n] Druckwasserreaktor mit evolutionären Merkmalen“ handeln (5). Die Kosten von 3 Millarden Euro (2) sind für einen Reaktor solcher Größe unrealistisch kalkuliert, nach Expertenansicht sind eher 4 Milliarden Euro wahrscheinlich (3).

Die vorgeblich „evolutionären Merkmale“ liegen in dem, gegenüber jetzigen Reaktoren, veränderten Sicherheitskonzept. Allerdings muss dieses kritisch bewertet werden. Schon auf Grund seiner Leistung von 1600 MW ist der Reaktor nach Ansicht der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW nicht so konstruiert, dass eine Kernschmelze ausgeschlossen werden kann (6). Im Fall einer Kernschmelze soll das nukleare Material in ein Keramikauffangbecken, dem Core Catcher, auf einer Rampe hinunter gleiten, sich gleichmäßig verteilen und dort mit Wasser gekühlt werden. Das Becken muss allerdings völlig trocken sein. Andernsfalls, so wies der saarbrückner Prof. Dr. Reimann nach, könne es bei Kontakt mir der Schmelze zu Explosionen kommen, die Menge des Wasser sei dabei unwesentlich.

Zudem soll in dem Reaktor eine digitale Leittechnik zum Einsatz kommen, die bei einem Test im Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 versagte. Der deutsche Meiler besitzt im Gegensatz zu dem, sich im Bau befindlichen, Reaktor Olkiluoto 3 allerdings noch ein analoges Sicherheitssystem. Auch bei den Sicherheitssystemen kommen weiterhin vor allem „aktive Sicherheitssystem“ zum Einsatz, die Strom benötigen, statt passiven, die nach einfachen physikalischen Naturgesetzen funktionieren.

Und natürlich produziert der vermeintlich „moderne“ Reaktor, genauso viel Atommüll wie seine Vorgänger und wirft genauso viel atomwaffenfähiges Material ab. Auch das Uranerz muss weiterhin gewonnen werden. Bei dem ersten Reaktornachbau seit 1986 handelt es sich also mitnichten um den so oft propagierten großen Wurf.

Fünf Jahre nach dem Beschluss des Parlamentes und knapp eineinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig geblieben. Beim Bau des Reaktors wurde gefuscht: der Beton ist porös, da die Betonmischung fehlerhaft war. Das fiel erst auf, nachdem bereits 40.000 von 250.000 Kubikmetern Beton gegossen wurden (siehe 2). Im März stellte die finnische Strahlenschutzbehörde STUK weitere Baumängel fest, zu denen sie sich aber nicht weiter äußerte. (7) Die Bauverzögerungen belaufen sich inzwischen auf knapp 6 Monate. Für den Konzern Areva NP könnte das Schadenersatzansprüche von 600 Millionen Euro bedeuten, die mit den üblichen Vertragsstrafen ein erheblichen wirtschaftlichen Schaden darstellen, denn inzwischen wird davon ausgegangen, dass der Reaktor erst Ende 2010 oder gar 2011 ans Netz gehen kann. (8) Auch kommt der Reaktor keinesfalls wie beschlossen ohne staatliche Subventionen aus. So wird sein Bau durch einen niedrigen Staatskredit von 2,9% finanziert (9). Vorzugskredite erhält das Projekt durch die Bayrische Landesbank und die französische Exportkreditagentur Cofarce. Normalerweise sichert letztere der Exportprojekte in risikoreiche Entwicklungs- und Schwellenländer ab. (10)

Inzwischen wirken Sätze aus Pressemitteilungen der Atomlobby eher lächerlich. So hatte das „Deutsche Atomforum“ am Tag des Beschlusses jubiliert, dass die Finnen eine verantwortungsvolle Lösung für ihre drängenden Energieprobleme gefunden hätten. Für Schadenfreude ist allerdings kein Anlass, da es auf Grund des Prestigecharakters des Projektes nicht davon auszugehen ist, dass das Projekt aufgegeben wird, steigt mit zunehmenden Zeitdruck auch die Wahrscheinlichkeit von bautechnischen Fehlern und damit auch die Gefahr für viele Menschen.

(1) http://www.taz.de/pt/2007/01/05/a0106.1/text
(2) http://www.taz.de/pt/2006/02/20/a0117.1/text
(3) http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/projekte/euroreaktor/dereuroreaktor.htm
(4) http://www.kernenergie.net/r2/de/Presse/Pressearchiv/DAtF/artikel/2002-05-24_Finnlands_Entscheidung.php
(5) http://www.areva-np.com/scripts/info/publigen/content/templates/show.asp?P=1655&L=DE&SYNC=Y
(6) http://www.ippnw.de/Atomenergie/Atomenergie_&_Sicherheit/article/Sicherheitstechnische_Defizite_des_Europaeischen_Druckwasser-Reaktors_EPR.html?swip=ad400090d4f325e9ca8d3304800947c8
(7) http://www.x1000malquer.de/pa61117.html
(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Areva_NP
(9) http://www.ippnw.de/Atomenergie/Atom-Privilegien/?swip=3cb2fb6c5ea5b806960c65945ec7fcf2
(10) http://www.eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=514&Itemid=8

Castorfeeling im Sommer

Im Auftrag von Vattenfall transportierte ein Unternehmen einen Austauschtransformator von Brunnsbüttel nach Krümmel. Das Binnenschiff wurde von Robin Wood-AktivistInnen aufgehalten, die sich von einer Brücke vor dem Hafen mit dem Transparent „AKW Krümmel stilllegen, statt flicken“ abseilten, sowie anderen AktivistInnen, die die Schleuse blockierten. Das Schiff konnte deswegen erst einmal nicht weiter fahren. Nachdem die AkvistInnen die Blockade am Donnerstag in den Morgenstunden aufgaben, hätte es weiter gehen können. Das der Reaktor immer noch im Hafen steht, ist nicht den BlockierInnen zu verdanken, sondern viel mehr dem Fakt, dass der LKW einen Schaden an einer Achse hat. Es bleibt also spannend. Aktuelle Informationen erhält man über Contratom

Weiterlesen:

Zitat des Tages (I)

„Die deutschen Atomkraftwerke sind weltweit die sichersten – nur gelegentlich brennts und knallts.“

Sigmar Gabriel

„Deutschlands ungeliebte Klimaschützer“

Der neuste Werbegag der Atomlobby „Deutschlands ungebliebte Klimaschützer“ zeigt u.a. das AKW Brunsbüttel und eine grüne Wiese. Davor weiden Kühe. Der ungeliebte Klimaschützer macht nun wieder von sich reden, denn seit gerstern brennt es im AKW Krümmel. Inzwischen schließt selbst der, für seine Desinformationskampagnen bekannte, Energiekonzern Vattenfall einen Zusammenhang mit dem, kurz vorher, wegen einem Kurzschluss vom Netz gegangenen AKW Brunsbüttel, nicht mehr aus, nachdem die Zusammenhänge erst bestritten wurden. Und wieder kocht eine völlig unnötige Sicherheitsdebatte hoch – dabei steht doch seit dem Super-GAU in Tschernobyl vor über 21 Jahren fest: es gibt keine sicheren AKWs.

Der Reaktor in Brunsbüttel ist seit gut 30 Jahren am Netz. Unfreiwillig bekannt wurde es durch eine Wasserstoffexplosion in einer Rohrleitung im Jahr 2001. Die Leitung war an den Reaktordruckbehälter angeschloßen. Die damalige Betreibergesellschaft e.ON interpretierte den schwerwiegenden Störfall als als „spontane Leckage“. Die Sache flog auf, weil die Daten für die zuständige Behörde nicht plausibel waren. Bei einer Begehung knapp drei Monate später, für die es auch erst eine formale Androhung brauchte, fand man besagtes expoldiertes Rohr vor. Nach Forschungen des BUM hätte der Unfall auch zu einer Kernschmelze führen können. Auch 2006 kam der Reaktor wieder unfreiwillig in die Schlagzeilen: nach dem Blindflug des Reaktors in Foersmark, ausgelöst durch nur zum Teil funktionierende Notstromaggregate, bemängelte die „Deutsche Umwelthilfe“, dass die Notstromversorgung des AKWs in Brunsbüttel noch schlechter sei, als die im besagten Reaktor. Selbstverständlich kommt Vattenfall diesbezüglich zu einem anderen Ergebnis und stellte gar einen Antrag auf Laufzeitverlängerung, den Umweltminister Gabriel allerdings ablehnend beschied.

Auch das AKW Krümmel ist kein unbekanntes: im Bereich um das Kraftwerk treten Leukämieerkrankungen gehäuft auf. Zusammenhänge konnten nie bewiesen, aber eben auch nie vollends ausgeschloßen werden. Als weitere Möglichkeit wird auch das GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht, dass einen Forschungsreaktor besitzt, auf dem 1986 zu einen Unfall bekommen ist, der von dem Zentrum allerdings bestritten wird, angesehen.

Wer nun also die sofortige und entgültige Abschaltung der AKW Brunsbüttel und Krümmel fordert, ist kein „Panikmacher“, sondern zieht einen völlig richtigen Schluss aus Altbekanntem.

Update (21:54): Nach Angaben des TÜV Norden, gab es in Brunsbüttel wohl ein Schwelbrand in einer Turbine. Allerdings hat, laut ersten TÜV-Untersuchungen – keine Gefahr für den Reaktor bestanden (mehr bei Reuters)