Archiv für Mai 2009

Quo vadis, 1. Mai?

Die HipHop-Band „Kämpfer der Sonne“ brüllt ihre Texte vom Lautsprechertruck der Antifaschistischen Linken Berlin, die vor allem das Zusammengehörigkeitsgefühl der „Arbeiterkinder“ zum Inhalt haben. Arbeiterkinder gibt es auf der „Revolutionären 1. Mai Demo“ hingegen eher weniger. So gerät die Demonstration mit ihrem Proletarierkult zu einer insgesamt paradoxen Veranstaltung. Früh fliegen Flaschen und Steine, auf Indymedia wird dann tags drauf jede brennende Mülltonne als Barrikade verkauft, errichtet von einem Kollektiv aus „Migranten, Autonome[n] und Punks“, um sich „vor einem Großangriff der Cops [zu schützen].“
Selbstkritisch wird in einem Kommentar eingestanden, dass viele Passant_innen, die zuvor mit Interesse den Reden, wie der Jutta Ditfuhrts, zu gehört hatten spätestens nach den ersten Steinwürfen verschwanden, oder einfach vorher in der wabernden Masse des „Myfest“ verloren gingen. Es gibt auch immer wieder Berichte, dass zahlreiche Steine und andere Wurfgeschosse vor allem auch Mitdemonstrant_innen treffen, was den apolitischen Hooliganismus einiger Demonstrant_innen noch offensichtlicher macht. Ein Kommentarschreiber auf Indymedia bemerkt bezüglich der Polizeistrategie der Deeskalation und der sinnfreien Attacke auf ein einzelnes Polizeiauto, welches in der Mitte der Straße parkte: „[D]ie sind eben nicht mehr so blöd, wie ‚wir‘ sondern haben viel gelernt. “
Weniger „proletarischer“ und friedlich ging aus auf dem Berliner Mayday zu. Die Befreiung, ein schönes Leben für alle – steht hingegen auf der Agenda der Parade. Wie schon in den vorangegangenen Jahren stand auch in diesem Jahr das (akademische) Prekariat im Fokus der Veranstalter_innen. Auf der fast dreieinhalb Stunden dauernden Demonstration wurden die politischen Aussagen mal geschickt in eine gelungende Perfomance eingebunden, wie „FelS“ mit einer Regenschirmaktion demonstrierte, mal gingen sie aber auch komplett im Techno-Wummern unter.
Und so bleibt der 1. Mai erstarrt: auf der einen Seite der vor Pathos triefende Revolutionäre 1. Mai, dessen Inhalte untergehen, weil die Medien auf die nächsten Krawalle warten und die „revolutionären“ Demonstranten sie liefern, auf der anderen Seite die neuen Formen, die es aber auch wenig vermögen Inhalte zu transportieren.
Es drohen die Menschen heimatlosen zu werden, ob nun linke Gewerkschafter_innen, Menschen in der Erwebslosenbewegung oder Personen auf den radikaleren Flügeln der GRÜNEN JUGEND, die sich als kapitalismuskritisch oder antikapitalistisch begreifen und solche Meinungen auch auf Demonstrationen transportieren wollen, ohne dabei die Aussagen durch nette Perfomance zu verstecken. Die andererseits aber realistisch genug sind, um zu verstehen, dass mit der „Rev. 1. Mai Demonstrationen“ wie in Berlin keine Revolution, sondern viel mehr Desinteresse bei der Bevölkerung und vor allem dem eigentlichen „revolutionären Subjekt“ ausgelöst wird.

(1) http://de.indymedia.org/2009/05/248971.shtml