Archiv für Juli 2008

Templin: schweigende Provinzen

Mit diesem Artikel verabschiede ich mich in eine einwöchige Urlaubspause. Kommentare können werden deswegen nicht sofort freigegeben werden, gleichsam Trackbacks.

Folgendes „Setting“: in der Stadt Templin gehen ein 18-Jähriger und 21-Jähriger bei einem 55-Jährigen Obdachlosen saufen. Dieser ist Obdachlos, nachdem seine Tischlerwerkstatt in Konkurs gegangen ist, seitdem lebt er in dieser alten Werkstatt. In der Nacht ist der ehemalige Tischler getötet und übel hingerichtet.

Nun beginnt die Fiktion. Zumindest anzuzünden versucht hat einer der Täter das Opfer, um die „Spuren“ zu verwischen. Via BILD-Online meldet sich die angebliche 17-Jährige Freundin des 21-Jährigen zu Wort („Ich liebe einen Totschläger“). Sie erzählt angeblich: „Sven (der 18-Jährige, s.u.) hat mit der Tat richtig geprahlt. Er sagte, dass er schon immer mal einen Menschen umbringen wollte. Christian (der 21-Jährige) hat zwar auch viel Mist gebaut, aber er würde nie einen Menschen umbringen.“ (1)
Die Polizei hingegen hat in ihrer Vernehmung festgestellt, das wohl der 21-Jährige zugab, dass der Tod durch Gewalteinwirkung herbeigeführt wurde, so die Lausitzer Rundschau, die den Artikel zum Thema euphemistisch mit „Saufkumpan getötet“ überschreibt. Gegen den 18-Jährigen wurde nach Informationen der LR Haftbefehl wegen Mord erlassen, das Tatmotiv sei allerdings unklar. Erschreckend sind die Parallelen zum Fall im Uckermärkischen Potzlow, auch hier töteten zwei Neonazis ihr Opfer, nachdem sie es stundenlang gequält hatten. Auch hier war den Tätern klar: minderwertig, denn das Opfer besaß einen Sprachfehler, trug weite Hosen und hatte blondierte Haare. Einer der Täter war bald wieder auf freiem Fuß, wurde aber danach wieder inhaftiert, weil er einen Linken niederschlug, wie die „Opferperspektive“ berichtet.

Nun beginnt das übliche Schema: der Bürgermeister von Templin meldet sich zu Wort. Er erkennt keine rechte Szene, sondern nur einige Menschen mit rechter Orientierung. Templin sei sicher. Das Wirtschaftsargument wird aus der Tasche geholt. Dem widerspricht das Mobile Beratungsteam, obgleich es die Infrastruktur bzgl. Sozialarbeit lobt.
Das mag auch eine Parallele in strukturschwachen Regionen zu sein, die vom Tourismus abhängen: Rechtsextremismus wird weder benannt, noch offensiv bekämpft, weil das dem Image schadet. Dann kommt der Knall, es wird beschwichtigt und alles geht weiter, bis zum nächsten Knall. Der Soziologe Heitmeyer nennt das (mehr als treffend!) Schweigespirale. Nichts ändert sich, alles wird schlimmer, wenn niemand aus den lokalen Zusammenhängen agiert. Die Amadeo-Antonio Stiftung hat dies sehr exemplarisch in einer Studie über ein Dorf in Sachsen dargestellt, in dem die NPD sehr viele Wählerstimmen erhält. Anderes „Setting“, aber gleiche Mechanismen. (2)

Erklärungsversuche: Der Chef der MBR in Brandenburg beklagt in einem Interview mit dem „Inforadio“ einen Werteverlust unter Jugendlichen, angesichts dessen, dass Jugendliche nun scheinbar bereit wären, ohne weiteres andere Menschen zu töten. Die NPD taucht bei Wilking korrekterweise als einer der Indikatoren auf, der solche Stimmungen und Hass gegen Obdachlose schüren würde. Und was macht die bürgerliche Mitte, wie geht sie mit Menschen in Notlagen um? Schafft sie nicht vielmehr das Klima, auf dem Parteien wie die NPD überhaupt aufbauen können? Auch hier ist eine Antwort in der Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ (3) von Wilhelm Heitmeyer zu finden: immerhin 34% stimmen der Aussage komplett oder ziemlich zu, das Obdachlose aus den Fußgängerzonen entfernt werden müssen. Ähnliche Größen ergeben sich bei den Aussagen über die Arbeitsscheue Obdachloser und deren „unangenehmes Auftreten“.
Gemeinhin gilt: Obdachlose sind selbst schuld. In der kapitalistischen Logik sind Obdachlose aus eigenem Verschulden gescheitert und verdienen deswegen keine Solidarität. Was sich in Vorurteilen gegen über Arbeitslosen manifestiert, wird gegenüber denen, die Teil der aller schwächsten Schicht der Gesellschaft sind umso hemmungsloser ausgelebt. Und so ist Templin ein weiteres Kapitel in einem traurigem Stück über Rechtsextremismus, schweigende Provinzen und dem (in-)direkten Unterstützen von Rechtsextremismus durch bürgerliche Replikation, in diesem Fall, sozialdarwinistischer Inhalte.

Ergänzung, 04.08.2008: Und tatsächlich: Same Old Story. Wie bei „No Nazi“ (siehe Verweis im Trackback) zu lesen, unterbindet der Bürgermeister ein Anti-Neonazi-Konzert eines Templiner Gewerbetreibenden, weil die Aktivitäten gegen Rechtsextremismus erst einmal „lokal“ koordiniert werden sollen.

Quellen: nach Inforiot

(1) Kritisches Lesen von Medien ist ein Muss, bei der BILD – gerade bei aufsehenserregenen Geschichten – sollte aber unbedingt gelten: die direkte Zitatweise von Personen ist in Zweifel zu ziehen; deswegen „angeblich“.
(2) näheres: http://www.amadeu-antonio-stiftung.de/materialien/material-analysen/, Analyse 2
(3) Zu Hilfenahme: „Deutsche Zustände“, Folge 6, edition Suhrkamp

Pressespiegel

Fassen wir alle Sommerlochsnachrichten kurz zusammen: im Berliner Wachsfigurenkabinett ist Franz-Josef Strauss bei den Bösewichten einkategorisiert, deswegen will Markus Söder, dass Steinmeier in London vorstellig wird. Weitere Sensationsnachrichten: Enten brüten in Berlin auf Hochhäusern, die DKP braucht in einem Potsdamer Wahlkreis noch 11 Unterschriften von 20 um antreten zu können und bekommt dafür ein Interview in der „jungen Welt“.

Zum Schluss noch was interessantes: Spammer lassen Captchas (das sind die Dinger, bei den die Buchstaben so verzerrt stehen, die vom User dann eingegeben werden müssen) mit menschlicher Hilfe lösen. Je gelöstem Captcha gibts Porno, weiß heise online zu berichten.

Kriegsverbrecher Marx

Der Moderator von „Zeit im Bild“(*) hat sich heute bei der Anmoderation zum Thema der Gefangennahme von Radovan Karadzic zu einem besonders tollen Vergleich hinreißen lassen: der mutmaßliche Kriegsverbrecher sei mit einem „Rauschebart“ wie dem Karl Marxs aufgegriffen worden. Bei solchen Vergleichen stellen sich die Fragen:

1.) Welchen Zweck erfüllte dieser Vergleich?
2.) Ist Karadzic wie Karl Marx, oder Karl Marx wie Karadzic?
3.) Hätte die ZIB-Redaktion auch die anderen Rauschbart-Träger: Weihnachtmann, Obdachloser vom Bahnhofsvorplatz o.ä. als Vergleich bemühen können?

(*) Für die, die nicht 3Sat empfangen oder in der Schweiz leben: das ist sowas wie die Tagesschau

Camping-Geschirr and Some Girls

Eigentlich wollte ich heute Camping-Geschirr kaufen, das war mir dann aber zu teuer, weswegen ich irgendwann demnächst mal in einen dieser Ramschladen gehen werden und billige Plastikteller kaufen werde.


Some Girls – I Need Drugs, Album: The DNA Will Have Its Say

Nicht zu geizig war ich bei der Platte „Heavens Pregnant Teens“ von Some Girls. Eine All-Star Band, die unter anderem aus Mitgliedern von „The Locust“ und „Give Up The Ghost“ bestanden, bis sich angeblich 2007 auflösten. Was dabei rauskommt, ist natürlich vorraussehbar: laute, schnelle und anstrengende Musik. Aber gerade, wenn es im Hardcore nur noch Mackertypen und schlechten Emo-Core gibt, tuen solche Bands und solche Platten, die zwar von 2006 ist, sehr gut. Sicher alles andere als zugänglich, aber das kann auch kaum nach dem ersten Hören erwartet werden. Ein großartiges Artwork mit einer schwangeren Nonne, was der Grund war, warum der Titel in Kombination mit dem entsprechenden Bild in den USA große Kontroversen auslöste, macht vieles richtig. Und die Lyriks die durch teilweisen ihren ironischen Unterton auch nicht zu verachten sind, zeigen zumindest das sich dieses Geld mal gelohnt hat.

Nachfeiern

Am 29.06.2008, jenen großartigen Tag, als die deutsche Fußball-Nationalmannschaft den EM-Titel nicht erhielt, ging auch noch ein ganz anderes Ereignis von statten, das ich selbst ganz vergessen, gar verdrängt hatte: 1 Jahr „Fenster nach Draußen“. Das sind 164 Beiträge, immerhin 61 Kommentare und zwischendurch sogar mal ein Platz in der Blogsport-Top 100. Das ist alle mal ganz ordentlich.

Alles began mit einem Beitrag über die Panne in den Reaktoren Brunsbüttel und Krümmel. Und ein Jahr später muss stärker als je zuvor gegen den medialen und politischen „Atomkonsens“ an geschrieben werden. Wie dermaßen sich der Wind gedreht hat, ist allein der Fakt, dass man nun stärker als je zuvor gezwungen ist, gar den butterweichen Atomausstieg noch verteidigen zu müssen. Und so bleibt die Hoffnung: lasst euch nicht verarschen, erst recht nicht von irgendwelchen Atomfreaks aus Medien, Politik und den großen und kleinen Atomstromproduzenten und -einspeißern. In diesem Zusammenhang: gestern musste bei den „heute“-Nachrichten ausgerechnet der Vorsitzende der IG BCE für einen „unideologischen“ Umgang mit der Atomkraft herhalten. Das war wohl einer der vielen armseligen Witze in einer mehr als traurigen Debatte.

Bloggen heißt zu einem gewissen Teil auch immer Selbstentblößung, damit habe ich mich einigermaßen zurück gehalten, denn was gibt es langweiligeres, als Leuten permanent belangloses Zeug aus dem Privatleben zu erzählen – und gerade das auch noch per Google-Cache für Jahrzehnte absichern zu lassen? Und so wird es eben dabei bleiben. Gerade auch zum Thema Bloggen will ich noch einmal auf zwei Artikel meiner Seits aus dem Frühjahr verweisen: einmal „Web 2.0 versus Freundschaft 1.0″ und „Automatisierung und Web 2.0″.

Ein weiteres Lieblingsthema war das Tier-RechtlerInnen-Bashing. Mal auf abstrakten Niveau, mal dann doch eher ein typischer Haudraufartikel. Solche Haufdraufartikel hat Werner Pirkner auch insgesamt 4 Mal erhalten, was angesichts dessen, was er täglich in der „jungen Welt“ so absondert wohl dann auch noch eine recht niedrige Quote ist.

Die Besonderheit: zumindest ein literarisches Werk hat auf diesen Blog geschafft. Das reicht als Rückschau.

W.z.e.w.

Skandalös: Die Hamburger Polizei hat laut „taz nord“ eine interne Anweisung, jede Kleinigkeit für eine Durchsuchung in der Roten Flora zu nutzen. Law-and-Order des Innensenators powerd by GAL, die mal die „Unstimmigkeiten“ überprüfen will – Was zu erwarten war.

via Analyse, Kritik & Aktion

Wir singen: GRÜN!-FLÄCHEN!-AMT!

Im Bendlerblock wird gebaut. Deswegen wollte das Verteidigungsministerium das Gelöbnis vor dem Reichstag abhalten. Das Grünflächenamt hat dem widersprochen. Recht so. Wenn Horden von Soldaten den Rasen platt latschen, mit Fackeln rumfuchteln und dann der Bezirk wahrscheinlich noch die Ausbesserung bezahlen muss, muss der Scheiß eben im Bendlerblock stattfinden. Lang lebe das Grünflächenamt!

Stückwerk für die Atomindustrie

Ich habe mir einen SPIEGEL gekauft. Das tue ich sonst aus Prinzip nicht, weil das meistens zu cholerischen Anfällen beim Lesen führt. Jetzt bin ich nochmal mit guten Willen dran gegangen und die Ausgabe „Das unheimliche Comeback“ über Atomenergie gekauft. In der Tat werden sich die Chefetagen der Energiekonzerne freuen: ein Plädoyer für Laufzeitverlängerungen auf gut 12 Seiten.

Auch beim SPIEGEL hat man scheinbar immer noch nicht kapiert: Energiepreis ungleich Strompreis, trotzdem muss doch der steigende Energiepreis als eines der Hauptargumente, nach dem üblichen SPIEGEL-Vorgeplänkel, für eine Laufzeitverlängerung von AKWs herhalten. Der Strompreis kann bei diesen Effekten aber nicht in dem Maße wie die Primärenergiepreise steigen. Mit Öl wurde 2005 2% Strom erzeugt, rechnet man jetzt das, durch die Kopplung mit Erdöl ebenfalls von den Preissteigerungen betroffene Erdgas dazu, wurden 2005 rund 13% des Stromes durch diese beiden fossilen Energieträger produziert. Beim Primärenergieanteil (Strom, Wärme, Verkehr), betrug der Anteil an Öl- und Erdgas allerdings 48,7%. Hier sind aber AKWs eben keine Lösung, da sie keinerlei Fernwärme produzieren und selbst die Energiekonzerne dies ausschließen. Und so wird eben dieses Argument mehr oder minder zum Rohkrepierer, weil Öl keinerlei Rolle in der Stromerzeugung spielt und die Kopplung von Erdgas- und Ölpreis eine unkehrbare politische Entscheidung ist. Das beste Mittel gegen hohe Strompreise heißt dann immer noch: Energiekonzerne zerschlagen, dezentralisieren und rekommunalisieren, davon steht im SPIEGEL-Artikel kein Wort.

Ansonsten, neben einigen kritischen Tönen zur Endlagerproblematik, dem teuren und schleppenen Bau von neuen Atomkraftwerken, den Fehlschlägen bei der Entwicklung der Brütertechnologie u.ä. hält man im SPIEGEL dann doch an dem Märchen der klimafreundlichen und billigen Atomkraft fest. Wenn AKWs abgeschrieben sind, sind sie in der Tat „billig“, aber eben auch nur, weil sie vorher massiv subventioniert wurden und werden; z.B. deswegen, weil die Betreiber nur einen geringen Teil der Haftpflicht selbst zahlen müssen – das große finanzielle Restrisiko trägt der Staat. Darüber hinaus: auch der Rohstoff Uran ist ein endlicher Rohstoff, je mehr AKWs, desto größer die Nachfrage nach dem Uran und gleichsam eine entsprechende Preissteigerung. Klimafreundlicher als Kohlekraft ist ein Atomkraftwerk sicherlich, aber ein Haushalt benötigt ebenfalls Wärme und die wird meist zusätzlich durch ein fossiler Brennstoff erzeugt- und so ist der „Klimabonus“ dann beim Heizen wieder raus. Effizient ist z.B. ein Biogas-Blockheizkraftwerk, was sowohl Wärme, als auch Energie produziert und einen Wirkungsgrad von 90% hat. Sicher ist Biogas an einigen Stellen auch nicht gerade unproblematisch – die Verstromung von organischen Elementen aber effektiver, als dessen spätere Verbrennung im Autotank.

Eine Stilblüte des Artikels ist auch der Beginn: die Schrottreaktoren Biblis A und B müssen als Hoffnung eines hessischen Dorfes herhalten, die Bürgermeisterin träumt gar von einem Schwimmbad, welches mit der Abwärme des AKWs genutzt wird – die politische Durchsetzbarkeit hält die SPD-Frau dann aber realistischer Weise für gering. Zitiert wird bis auf einen Greenpeace-Experten auch keine Kritiker, sondern nur Befürworter, von neuen Meilern oder zumindest längeren Laufzeiten. Schade drum und: Wo ist bloß der kritische Journalismus hin?

Weißheit des Tages

Frozen-Bubble ist kein Spiel, bei dem es primär um Geschick geht, sondern ein Spiel, das die Willenskraft prüft. Im Level 29 habe ich wegen Lustlosigkeit aufgeben, davor allerdings auf dem Boden liegend mit einer Hand gespielt.

Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl

Heute findet ja die große Demo anlässlich des 15. Jahrestages der Abschaffung des Grundrechtes auf Asyl statt. Der Aufruf des Bündnis de*fence spricht von einem damaligen Bündnis 100.000er – historisch kaum statthaft und wohl eher dem höheren Mobilisierungseffekt gedient. Auch an anderen Punkten setzt die Kritik „de*fence the Krauts“ der Naturfreundejugend Berlin, JD/JL Brandenburg und einer mir unbekannten „Gruppe Subcutan“ an, die mit dem Zitat

Antinationalismus schließt Bündnisse und Bewegungspolitik keineswegs aus, aber gerade die Ereignisse, an deren Ende die Abschaffung des Asylrechts standen, machen eine leichtfertige Bezugnahme auf die deutsche Bevölkerung unmöglich. Und natürlich bleibt es jenseits unserer Kritik vollkommen richtig und wichtig, die sofortige Wiederherstellung des alten Asylrechts und ein Ende aller rassistischen Sondergesetze und sonstiger administrativer Schikanen zu fordern und durchzusetzen – nicht für ein „besseres“, sondern gegen Deutschland.

endet.

Mehr hier.