Automatisierung und Web 2.0

Vor gut 50 Jahren erschien ein Artikel zum Thema „Die Situationisten und die Automation“ in einer einem Magazin der Situationistischen Bewegung. In dem Artikel wird versucht, positives und negatives Wirken von Maschinen und Automatisierung dazustellen. Der Sozialismus versuche durch Massenproduktion bestimmter Güter diese wertlos zu machen, zwingt aber andererseits auch eine erhöhte Anpassungsgabe des Menschen an eben diese Produktion, so eine These des Textes. Im Gegensatz dazu stehen die Künstler, die genau dem ablehnend gegenüber stehen. Der Artikel versucht nun, einen Abwägungsprozess zwischen der Befreiung des Menschen durch die Maschine und der Unterdrückung zu finden und endet mit folgenden Fazit:

Durch den Gedanken der Standardisierung wird die Verminderung und die Vereinfachung möglichst vieler menschlicher Bedürfnisse zur grössten Gleichheit angestrebt. Es hängt von uns ab, ob dieser Gedanke interessantere Versuchsfelder als die, die er verschließt, eröffnet oder nicht. Je nach dem Ergebnis kann man zur totalen Verdummung des menschlichen Lebens oder zur Möglichkeit geführt werden, ständig neue Begierden zu entdecken. Diese neuen Begierden werden aber in dem Unterdrückungsrahmen unserer Welt nicht von selbst zutage treten Eine gemeinsame Aktion ist unbedingt notwendig, um sie aufzuspüren, zu offenbaren und zu verwirklichen. (1)

Mit ein wenig Abstraktion finden wir anhand dieses nun schon 50 Jahre alten Text eine vernünftige Antwort auf die Frage der Entwicklung des Web 2.0 der daraus entstehenden politischen Handlungsmöglichkeiten. Durch die internationale Vernetzung wird zumindest theoretisch versucht, bestimmte Verfahren zu Standardisieren: Programme sind meist weltweit verfügbar: Properitäre Programme sind die extremste Form von Standardisierung, offener Quellcode wäre im situationistischen Sinne durchaus der mögliche Sinn der Individualisierung erfüllt. Ebenso können bestimmte Dateien weltweit ausgetauscht werden. Auch, und das scheint in diesem Zusammenhang vielleicht wesentlich interessanter: ob Facebook, Twitter oder Digg; sie alle stellen den Versuch einer standardisierten Kontaktaufnahme, Linkaustausch usw. da. Nun stellt sich die Frage was aus diesem entstehen kann: negativ natürlich die Aufgabe der Privatsphäre des Subjektes, die Neudefinition von Freundschaften usw. („totalen Verdummung des menschlichen Lebens“); positiv gesehen die Vernetzung verschiedenster kleiner Einheiten (auf untererster Ebene dann das individuelle „Twitter“-Profil) zu einem Ganzen aus dem etwas neues entstehen kann („ständig neue Begierden zu entdecken“).

Ideen bedeuten keine Taten, die ständig „neuen Begierden“ können höchstens konsumierend befriedigt werden, meist reichen sie gar nicht darüber hinaus. In einem anderen Text wird das so formuliert:

Zwischen der Liebe und dem automatischen Müllschlucker hat die Jugend aller Länder gewählt: sie zieht den Müllschlucker vor. (2)

Und so scheint es auch so zu laufen: das Web 2.0 kann dazu dienen Utopien zu formulieren, aber ohne eine umfassende Gesellschaftskritik werden „[d]iese neuen Begierden werden aber in dem Unterdrückungsrahmen unserer Welt nicht von selbst zutage treten“. Und so kann kann das Web 2.0, sofern es in einem anderen als dem ausschlieslichen Sinne des Betreibens des Exhibitionismus des Privaten, genutzt werden, dazu beitragen Utopien zu entwickeln und durch die „kleinsten Vernetzungseinheiten“ diese durch die individuelle und kollektive Tat in die Realität umsetzen. Oder eben, und das scheint jedem Phänomen innezuwohnen, auch das konkrete Gegenteil zu produzieren: Normung und Zementierung bestehender Strukturen – genau dieses Worst-Case-Szenario scheint das der ersten Wahl zu werden.

(1) Die Situationisten und die Automation
(2) Formular für einen neuen Urbanismus