Archiv für April 2008

Deutsche Zustände (II)

Jüdischer Friedhof in Berlin-Weißensee geschändet, 30 Grabsteine umgestoßen.

Automatisierung und Web 2.0

Vor gut 50 Jahren erschien ein Artikel zum Thema „Die Situationisten und die Automation“ in einer einem Magazin der Situationistischen Bewegung. In dem Artikel wird versucht, positives und negatives Wirken von Maschinen und Automatisierung dazustellen. Der Sozialismus versuche durch Massenproduktion bestimmter Güter diese wertlos zu machen, zwingt aber andererseits auch eine erhöhte Anpassungsgabe des Menschen an eben diese Produktion, so eine These des Textes. Im Gegensatz dazu stehen die Künstler, die genau dem ablehnend gegenüber stehen. Der Artikel versucht nun, einen Abwägungsprozess zwischen der Befreiung des Menschen durch die Maschine und der Unterdrückung zu finden und endet mit folgenden Fazit:

Durch den Gedanken der Standardisierung wird die Verminderung und die Vereinfachung möglichst vieler menschlicher Bedürfnisse zur grössten Gleichheit angestrebt. Es hängt von uns ab, ob dieser Gedanke interessantere Versuchsfelder als die, die er verschließt, eröffnet oder nicht. Je nach dem Ergebnis kann man zur totalen Verdummung des menschlichen Lebens oder zur Möglichkeit geführt werden, ständig neue Begierden zu entdecken. Diese neuen Begierden werden aber in dem Unterdrückungsrahmen unserer Welt nicht von selbst zutage treten Eine gemeinsame Aktion ist unbedingt notwendig, um sie aufzuspüren, zu offenbaren und zu verwirklichen. (1)

Mit ein wenig Abstraktion finden wir anhand dieses nun schon 50 Jahre alten Text eine vernünftige Antwort auf die Frage der Entwicklung des Web 2.0 der daraus entstehenden politischen Handlungsmöglichkeiten. Durch die internationale Vernetzung wird zumindest theoretisch versucht, bestimmte Verfahren zu Standardisieren: Programme sind meist weltweit verfügbar: Properitäre Programme sind die extremste Form von Standardisierung, offener Quellcode wäre im situationistischen Sinne durchaus der mögliche Sinn der Individualisierung erfüllt. Ebenso können bestimmte Dateien weltweit ausgetauscht werden. Auch, und das scheint in diesem Zusammenhang vielleicht wesentlich interessanter: ob Facebook, Twitter oder Digg; sie alle stellen den Versuch einer standardisierten Kontaktaufnahme, Linkaustausch usw. da. Nun stellt sich die Frage was aus diesem entstehen kann: negativ natürlich die Aufgabe der Privatsphäre des Subjektes, die Neudefinition von Freundschaften usw. („totalen Verdummung des menschlichen Lebens“); positiv gesehen die Vernetzung verschiedenster kleiner Einheiten (auf untererster Ebene dann das individuelle „Twitter“-Profil) zu einem Ganzen aus dem etwas neues entstehen kann („ständig neue Begierden zu entdecken“).

Ideen bedeuten keine Taten, die ständig „neuen Begierden“ können höchstens konsumierend befriedigt werden, meist reichen sie gar nicht darüber hinaus. In einem anderen Text wird das so formuliert:

Zwischen der Liebe und dem automatischen Müllschlucker hat die Jugend aller Länder gewählt: sie zieht den Müllschlucker vor. (2)

Und so scheint es auch so zu laufen: das Web 2.0 kann dazu dienen Utopien zu formulieren, aber ohne eine umfassende Gesellschaftskritik werden „[d]iese neuen Begierden werden aber in dem Unterdrückungsrahmen unserer Welt nicht von selbst zutage treten“. Und so kann kann das Web 2.0, sofern es in einem anderen als dem ausschlieslichen Sinne des Betreibens des Exhibitionismus des Privaten, genutzt werden, dazu beitragen Utopien zu entwickeln und durch die „kleinsten Vernetzungseinheiten“ diese durch die individuelle und kollektive Tat in die Realität umsetzen. Oder eben, und das scheint jedem Phänomen innezuwohnen, auch das konkrete Gegenteil zu produzieren: Normung und Zementierung bestehender Strukturen – genau dieses Worst-Case-Szenario scheint das der ersten Wahl zu werden.

(1) Die Situationisten und die Automation
(2) Formular für einen neuen Urbanismus

Toller Mayday-Mobiclip

Während das „Revolutionäre Erste Mai Bündnis“ in einem hochgradig peinlichen Clip Heuschrecken abknallen, Autos anzünden und Demonstranten und Bullen sich kloppen lässt, werden wo anders etwas anspruchsvollere Mobiclips produziert, toll.

Interessante Fakten (I)

Aus Dupnitsa stammte auch der bulgarische Landesmeister im Kajak-Kanusport, Ivan Karamanski – der später die Mafiastrukturen in Bulgarien organisierte und als Vater aller Paten berühmt wurde.

Er verband Anfang der neunziger Jahre die bereits während des Kommunismus existierende Sportmafia, die ins kriminelle Milieu abgetauchten Agenten des Zivkov-Regimes, die Drogenbosse Lateinamerikas und Diebesbanden des gesamten Balkan. 90 Prozent der bulgarischen Mafia besteht auch heute noch aus ehemaligen Athleten. Insbesondere die Ringer hatten während des kommunistischen Regimes Reisefreiheit und waren deshalb von der Stasi als Agenten eingesetzt worden.

nach: SPON

Ne, ne, ne

Dieses Video bestätigt eindrucksvoll meine These über die „Digitale Bohème“ von gestern Abend:

Jeder Depp, der einen Computer bedienen kann, kann Teil der “Digitalen Bohème” werden.

Zitat des Tages (VIII)

Der Carterismus ist Beschwichtigungspolitik; die fehlende Bereitschaft derjenigen im Westen, die das Gute fordern, die westlichen Werte zu verteidigen, wenn sie von Osten her angegriffen werden. Der Carterismus ist die Unfähigkeit aufgeklärter Menschen in Nordamerika und Nord-Tel Aviv, mit der Tatsache umzugehen, dass es manchmal auch in der Dritten Welt Böses gibt. Manchmal gibt es Böses auch in der arabischen Welt. Es gibt selbst palästinensisches Böses.
(…)
Die Zusammenarbeit des Carterismus mit der Hamas ist eine Zusammenarbeit mit der Unterdrückung der Frau, der Inhaftierung von Homosexuellen und der Christenverfolgung. Die Zusammenarbeit des Carterismus mit der Hamas ist eine Zusammenarbeit mit religiöser Tyrannei, die das palästinensische Individuum mit Füßen tritt und danach trachtet, das jüdisch-israelische Kollektiv auszulöschen. Richtig, auch George W. Bush hat dem Nahen Osten Unglück gebracht. Aber der Weg zur Reparatur dieses Schadens besteht nicht in der Rückkehr zum Gräuel Carters. Sollte die israelische, europäische und amerikanische Linke sich für ein Linkssein à la Carter entscheiden, wird sie zu einer selbstmörderischen Linken werden.

Ari Shavit, in „Vorsicht, Appeasement“, Haaretz vom 22.04.08; Übersetzung durch im Newsletter der israelischen Botschaft

Web 2.0 versus Freundschaft 1.0

Rieke macht es in ihrem Blogeintrag insbesondere an der partnerschaftlichen Beziehung fest, sie fragt:

Die Zeiten in denen man noch so ECHTE Handgeschriebene Briefe voller Rechtschreibfehler bekommen hat sind leider auch schon lange vorbei, wo sind all die Romantiker hin?

Haben wir unsere kindlichen und ja zugegeben manchmal Naiven Vorstellungen über Bord geworfen um ein Teil dieser Web-versessenen Welt zu werden? Vielleicht.

Nachdem wir alle „Web 2.0″ sind, nur noch über IM und Mail kommunizieren, scheint es doch auch einmal wert zu analysieren, welche negativen Seiten das alles mit sich bringt. Vor allem erstmal eine Pervertierung des Wortes „Freund“. In MySpace und ähnlichen Plattformen werden Leute zu Freunden, die der betreffende Nutzer vielleicht niemals gesehen hat, flüchtig kennt, oder wahrscheinlich auch nur wegen des virtuellen Freundeslisten-Schwanzvergleiches „geaddet“ hat. Und so werden Oberflächlichkeiten oberste Priorität, die ungefragte Selbstentblößung und die konsequente Kapitalisierung seiner Daten für Murdoch, Holzbrinck und Co. Voraussetzungen des „sozialen Lebens“. Zukunftsmodell: 1000 MySpace-Freunde und keine Verlässlichkeiten in der Realität?

Weiter gehts:

Aber wer ist eigentlich diese Digitale Bohème von der alle reden?
Gehören wir etwa schon dazu nur weil wir in der Lage sind einen Computer zu bedienen und einen Großteil unserer Freunde in Social Networks archivieren, ich weiß es nicht aber diese Frage hat eindeutig Klärungsbedarf, denn ich finde Begriffe wie das Web 2.0 relativ schwammig und daraus einen Gesellschaftsbegriff zu machen der nicht klar umreißt, wer nun dazu gehört und wer nicht irritiert mich noch mehr, aber auch das wird sich hoffentlich irgendwann ändern…

Die Bohème ist seit jeher die leidenschaftliche Projektionsfläche der bürgerlichen Gesellschaft, symbolisiert sich doch in der romantischen Vorstellung absolute Freiheit und Unabhängigkeit – und kritischen Geist. Die „Digitale Bohème“ zeichnet dadurch aus, das sie den Glauben an Freiheit und Unabhängigkeit behält, den kritischen Gedanken dann aber auch nur dann für richtig hält, wenn sie Content generiert. Das Layout für die Internetseite eines Braunkohleverstromers und das gleichzeitige Aufschreien auf dem Blog dagegen ist kein Widerspruch für die „Bohème“, sondern viel mehr das gerühmte Konzept.

Jeder Depp, der einen Computer bedienen kann, kann Teil der „Digitalen Bohème“ werden, sowie das auch schon früher jede Person, die glaubte dichten o.ä. zu können konnte. Und eben dann in diesem Stadium ewig bleiben, völlig absinken oder eben ordentlich abstauben zu können. Da sehe ich für mich keine Grenzen und glaube gar nicht, das dies nötig ist. Denn eine Eingrenzung eben dieses Begriffes, würde eben dem Phänomen nicht gerecht werden. Beschreibt die „Digitale Bohème“ nur die Personen, die informationstechnischen Berufen nachgehen, werden die zahlreichen Künstler außer Acht gelassen, die ihren Kram über das „Web 2.0″ verteilen usw. Das führt zu nichts.

Web 2.0 ist Trend, Web 2.0 wird sterben und/oder sich weiterentwickeln. Fraglich nur in welche Richtung.

Verkannte Genies (I)

The Locust – Plague Soundcapes

Sie seien die Lieblingsband vom Kunststudenten meinte einmal das OX-Fanzine, als ein Redakteur ein Konzert von „The Locust“ besuchen. Die Frage lautet nun: warum? Keine Ahnung. Vielleicht weil es eben nicht alle Tage eine Band gibt, die in grüner Montur auftritt, um Heuschrecken nachzustellen. Und dann eben dieser Sound: Grindcore, mit elektronischen Gefiepe, und zweistimmigen Geschreie. Songtitel, die teilweise länger sind, als die Songs selber („The Half-Eaten Sausage Would Like To See You In His Office“). Dazu kommt ein Coverartwork, auf dem seltsame Viecher eine Stadt zerstören und zombieartige Wesen umherrennen. So mancher Rezensent kapituliert angesichts dieser CD und auch auf der Bandseite des Labels fanden sich Rezensionen wie „When I listen to this my dog takes a crap“. Allein das macht die Band und das mittlerweile nun auch schon 5 Jahre alte Album wert, in die Rubrik „Verkannte Genies“ einsortiert zu werden. Wer dafür einen Beweis braucht, möge sich in dem unterstehenden Video mal die Gitarren- und Drumarbeit besehen und dann über die Instrumentenbeherrschung urteilen.

Große Alben (III)

Lars Frederiksen & The Bastards – s/t

Ich liebe dieses Album. Und ich weiß nicht warum. Letztendlich ist es ziemlich schlichter Punkrock, nichts ist innovativ, oder gar überraschend. Frederiksen covert Mötorhead und Billy Bragg und singt sonst recht viel über sein Leben auf der Straße. Aber der Drummer verdrischt seine Drums, der Gitarrist misshandelt seine Gitarre, und Frederiksen brüllt ins Mikro. So schlicht und so gut kann Punkrock eben auch sein.

Ja, Frederiksen hat einen Schaden. Spätestens als er dann seine dänischen Wurzel herauskramte und dann auf einmal „Viking“ wurde und sich beim nächsten Album – ganz in Prollrockermanier, umgarnt halbnackten Frauen ablichten lies. Eine Platte, wie die Lars Frederiksen lässt ja auch etwas traurig auf Epitaph blicken, ein Label das sich leider inzwischen auf dieses schreckliche Emo-Zeugs verlegt hat. Zumindest, aber so scheint es, geht noch das Unterlabel Hellcat seinen Weg und hat mit The Unseen ja auch mal wieder was ganz ordentliches im Angebot.

Nein, nein, nein

Schon mal vorleiden für die nächste nationalistische Dröhnung im Sommer:

Dieses Jahr geht das Fußballwunder weiter /
Wir sind da /
Und wir werden Europameister

So lautet der Refrain der offiziellen DFB-Fanhymne.