Heuschrecken als Projektionsfläche

Sympathische Heuschrecken
Foto: flickr.com / osy59; Lizenz CC

Was haben diese possierlichen Tierchen den Linken angetan? In Broschüren der Gewerkschaft ver.di bindet man sie in einer Karikatur, abseits der feierenden Gemeinschaft, an Bäume. Das scheint verständlich nachdem die Heuschrecken in dem reichbebilderten Heftchen „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur“ Fabriken und Immobilien „ausgesaugt“ haben, sie in riesigen Schwärmen eingefallen sind (wobei ihnen natürlich selbstredend von der deutschen Bundesregierung der Teppich ausgerollt wurde oder andere „Kollaborateure“ ihnen die Dämme gebrochen haben).

Die Heuschrecke wird zur Versinnbildlichung einer externen Macht, die eine homogene, zumindest aber interessengleiche Gemeinschaft angreift. Der in den großen Gewerkschaften leider inzwischen übliche Standortnationalismus findet hier also sein passend Bild in einem Insekt. Ein Bild, welches auch bei wenig politischen Menschen klare negative Emotionen auslöst.

Die Personifikation des singulär betrachteten Finanzkapitalismus mit „Heuschrecken“ wurde zu allererst von Franz Münterfering betrieben und ist inzwischen bis weit in die Linke hinein tragfähig geworden. Ideologisch folgt also eine Trennung zwischen Finanz- und Produktivkapital, mit der logischen Schlussfolgerung das nur die Finanzmärkte reguliert oder das Finanzkapital selbst abgeschafft werden muss, um die heile Welt der „sozialen Marktwirtschaft“ wieder herzustellen. Ein Trugschluss, wie die „Finanzkapital AG beim ver.di-Bezirk Stuttgart“ feststellt (1):

(…) So wird die Weltwirtschaft schon lange nicht mehr durch die reale Produktion, sondern vor allem durch den Finanzüberbau am Laufen gehalten. Es ist gerade der viel gescholtene spekulative Sektor mit seinen Finanzblasen, der eine immer unrentabler werdende Sphäre der Produktion alimentiert und Geldmengen generiert und in Umlauf hält, wie es der produktive Bereich nie leisten könnte. Die mit rein spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne sind mittlerweile ein unverzichtbarer Posten im Haushalt von Unternehmen, Staaten und Privatleuten geworden. Die enorme Staatsverschuldung der USA ist letztendlich der „Motor der Weltwirtschaft“. Finanzspekulation lässt sich nicht von den anderen ökonomischen Vorgängen im Kapitalismus trennen und anschließend bekämpfen. „Finanzmärkte und Realwirtschaft laufen auseinander“ heißt es an anderer Stelle. Aber würde man die Spekulationskrücke entfernen, dann würde die Weltwirtschaft gar nicht mehr funktionieren. Eine isolierte Spekulationskritik geht folglich ins Leere.

(…) Dass Kapital dahin fließt, wo der höchste Profit zu erwarten ist, diesen zu realisieren sucht und sich danach „ohne jede Rücksicht auf Verluste“ entweder anderen Betätigungsfeldern widmet oder die Ausbeutungsrate am gerade bearbeiteten Objekt noch einmal zu steigern sucht – dies ist dem Kapital immanent. Neu ist lediglich, dass unter den Bedingungen globaler mikroelektronischer Vernetzung immer größere Teile des Kapitals diese ihm innewohnende Tendenz in wesentlich schnellerem Tempo und wesentlich „effektiver“ realisieren können als zuvor (quasi „gleichzeitige“ Präsenz überall auf dem Globus). Auch hier wäre es also richtig, darauf zu verweisen, dass der moderne, informationstechnisch enorm aufgerüstete und globalisierte Kapitalismus seine Grundtendenz heute nur umso radikaler ausleben kann, anstatt das vermeintlich gute produktive dem schlechtem spekulativen Kapital gegenüberzustellen. (…)

Sind deswegen Protest gegen den Verkauf von Wohnungen oder Betrieben an Hedge-Fonds illegitim? Grundlegend nicht. Die Ideologie hinter den Protesten muss aber aufgrund der im Zitat erläuterten Gegebenheiten hinterfragt werden. Andernfalls landet man auf dem Holzweg, wie die Gewerkschafter aus Stuttgarten zum Abschluss erläutern; auch unter der Berücksichtigung der Konnonation der Metapher der „Heuschrecke“ im 3. Dritten Reich:

(…) Die Heuschreckenmetapher ist in Deutschland spätestens seit Veit Harlans „Jud Süß“ eindeutig antisemitisch besetzt: „Wie die Heuschrecken fallen sie über uns her!“ Dass die Juden Träger der „Geldgier“ seien, gehört zu den bis heute am hartnäckigsten verbreiteten antisemitischen Stereotypen. Die Kombination aus beidem bereits auf dem Titelblatt bietet geradezu ideale Andockpunkte für antisemitische Projektionen.
Wir betonen ausdrücklich, dass wir niemandem der Verantwortlichen irgendwelche Absichten in diese Richtung unterstellen. Das wäre in der Sache völlig daneben und obendrein persönlich unfair. Uns geht es um eine teilweise in der Gewerkschaft verbreitete erschreckende Unsensibilität, ggf. auch Unkenntnis, die dringend überwunden werden sollte.

(…) Aber selbst wenn überhaupt niemand beim Stichwort „Heuschrecken“ an „Juden“ denken würde – wovon wie gesagt nicht auszugehen ist – bliebe die Sache hochproblematisch. Denn dieses äußerst stammtischkompatible Bild bedient die verbreitete Stimmung, wonach „wir alle“ von einigen wenigen Gierigen, die „uns“ belügen und betrügen, übers Ohr gehauen werden. Es ist unübersehbar, wie sich diese einfältige und hochgefährliche „Welterklärung“ in immer mehr Köpfen einnistet. Sie gebiert heute schon (wieder!) den Ruf nach dem starken Mann, der endlich „damit aufräumt“. Das Heuschreckenbild bedient dieses plumpe Weltbild geradezu ideal.

Dass solche Bilder „spontan“ unter den Menschen entstehen, ist schlimm genug, aber es ist noch einmal etwas ganz anderes, wenn ein Gewerkschaftsapparat diese Bilder bewusst in die Organisation hineinträgt. Die Geister, die wir damit rufen, werden wir nicht mehr los.

Wo so mancher landet, wenn er seinen Fetisch für die Kritik am Finanzkapital zu sehr auslebt, kann man an so manchen Gesell- und Freigeldanhänger erkennen. Denn hier ist das Finanzkapital ideologisch zu einem Monster mutiert, welches sich gar gegen seinen Quasi-Bruder „Produktivkapital“ stellt; sich also produktivkapitalistische Arbeitgeber und Arbeitnehmer in einem seltenen Einklang im Würgegriff der ausbeuterischen Verschwörung Weniger befinden. Je nach beliebiger verschwörungstheoretischer Ausrichtung können diese gedanklichen Bilder mit antiamerikanischen, antisemitischen und bei einigen, die einen exessiven Hass auf Freimaurer pflegen, auch antifreimauerischen Projektionen ausgestaltet werden.

Die berechtigte Frage heißt nun: was folgt daraus? Auch darauf hat die ver.di-AG Finanzkapital eine vernünftige Antwort:

(…) Was heißt das alles für die Gewerkschaften? Mit Sicherheit nicht, sich dem Schicksal ergeben, „weil man ja doch nichts machen kann“. Ebenso wenig, dass man auf abstrakte „Revolutionspropaganda“ umschalten sollte. Es bleibt uns nichts, als das zu versuchen, was wir sowieso im Wesentlichen noch machen (aber bitte mit größerer Verve, nur das ist wieder ein anders Thema): Notwehrmaßnahmen gegen die schlimmsten Zumutungen ergreifen, nach Möglichkeit Grenzen setzen und dort, wo es möglich ist, auch Verbesserungen durchsetzen, seien sie auch zeitweilig und brüchig. Insofern ist es natürlich prinzipiell richtig, Forderungen an den Staat zu stellen. Wir sollten uns dabei allerdings vor der Illusion hüten, es könne wieder einen politisch regulierten Kapitalismus nach dem Vorbild der 50er und 60er Jahre geben. Diese Zeiten sind vorbei. Angesagt ist Gegenwehr unter den Bedingungen eines zunehmend krisenhaften Kapitalismus. Deswegen ist es für die Gewerkschaften überlebensnotwendig, ihre tagtägliche konkrete Arbeit mit der Verbreitung einer grundsätzlichen Kapitalismuskritik zu verbinden. Eine isolierte Kritik des „Finanzkapitalismus“ muss dagegen oberflächlich und falsch bleiben, sie bedient, wenn auch ungewollt, nicht die Kritik, sondern das Ressentiment.

(1) Mensch, denk weiter! – „Heuschrecken“ sind keine Erklärung…


2 Antworten auf “Heuschrecken als Projektionsfläche”


  1. 1 radiocorax 05. Januar 2008 um 14:56 Uhr

    Es war ein Versuch. In Nordhausen. Eine von den Arbeitern selbstverwaltete Fabrik. Um der Kündigung zu entgehen. Dafür gebührt ohne Frage Respekt. Doch wer genauer hingehört hat bei der Argumentation einiger Arbeiter von Bikesystems, dem konnte schon etwas übel werden. Gute deutsche Fabrik wird von bösen amerikanischen Unternehmen platt gemacht. Auch während der Besetzung hatten die AktivistInnen eine große gebastelte Heuschrecke am Werkstor angebracht um zu Signalisieren: Hier waren Heuschrecken am Werk. Und da waren sie wieder. Die Heuschrecken.

    Die Frankfurter Rundschau schreibt sie mittlerweile ohne Anführungszeichen und ohne eine kritische Bezugnahme auf dieses Bild. Den Begriff eingebracht hat ja Franz Müntefering. Bei ihm hieß es wörtlich: das manche Finanzinvestoren „wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen herfallen“. Die IG-Metall setzte noch einen drauf. Sie zeigte eine in Nadelstreifen gekleidete Stechmücke mit US-Zylinder und Aktenkoffer. Im dazugelieferten Heft wird es noch unmissverständlicher: US-amerikanische Stechmücken saugen hier an Schornsteinen deutscher Fabriken. Das aktuellste Beispiel in der Heuschreckendebatte: Eine Broschüre vom Ver.di Bundesvorstand. Um diese soll es nun in den Folgenden Minuten gehen. Denn: Kurz nach Erscheinen der Broschüre gab es auch schon eine Antwort. Mit dem Titel: Mensch, denk weiter. „Heuschrecken sind keine Erklärung“.Eine Broschüre vom Ver.di Bundesvorstand. Um diese soll es nun in den Folgenden Minuten gehen. Denn: Kurz nach Erscheinen der Broschüre gab es auch schon eine Antwort.Alex von Radio Corax begrüßte am Telefon einen der Verfasser, Lothar Galow-Bergemann. Auch er ist VerdiMitglied.

  1. 1 | Fenster nach draußen Pingback am 24. Januar 2008 um 21:29 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.