Kein schöner Land

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,

dies ist eine Premiere. Das erste Mal gelangt eine Kurzgeschichte an die Öffentlichkeit, in der
a.) 3 seltsame Personen,
b.) eine Landstraße und
c.) blutrünstige Ponys
eine Rolle spielen, und gar so lang ist, dass sie mit einem „More“-Button versehen werden muss.

Kein schöner Land

Und so gingen sie die Straße entlang. Jene eben so lange und doch einzige Straße dieses Dorfes, welches von einem schmalen Rinnsaal durchzogen wird, welches irgendwann mal ein Fluss gewesen sein mag. Es regnet, wie meistens.
- „Ich erlebe meistens den Regen. Die Sonne verschlafe ich. Aber eigentlich will ich sie auch gar nicht mehr sehen, sie erinnert mich an glückliche Zeiten. Die will ich aber hinter mir lassen.“
- „Hör auf zu saufen, das ist der beste Ratschlag, den ich dir geben kann.“
Das war das Ende des Gespräches zwischen den Beiden. Der mit dem guten Ratschlag bog nun ab, ließ den Einen im Regen stehen, stieg in sein Auto, ein ziemlich klapprigen Golf, und fuhr davon. Das Päckchen hatte er da da gelassen. Die Notversorgung. Der Eine fand es wie üblich im Vorzimmer seines Hauses, in das er zurück gekehrt war, nachdem der Andere ihn hatte stehen lassen. Er öffnete es. Alles wie üblich, alles in Ordnung. Und so legte er sich hin und schlief, während es draußen aufklarte.
Der Andere machte sich Vorwürfe. Selbstmitleid hasste er, für Leider hatte er auch kein Verständnis, schon gar nicht wenn dieses Leid selbstverschuldet war. Aber hätte er die Person wirklich allein lassen sollen? Wenn sich die Gerüchte bewahrheiteten, die im Dorf herumgingen, wäre das ein Fehler gewesen.
- „Sondermeldung.“ Das Radio war angesprungen, kurz nach der bedeutungsvollen Ansage war alles andere unverständlich. Auf dem Sender hörte man nur noch ein unverständliches Krisseln.
- „Verdammte Scheiße. Wo leben wir hier? Ist ja wie in einem Entwicklungsland!“ keifte der Notversorger.
-“Geisterfahrer“, wieder war das Radio kurz da, um sich dann endgültig zu verabschieden. Wenigstens schien jetzt die Sonne ein wenig, bevor sich die nächste Wolke vor sie schob, und verlieh den nassen Grasflächen einen seltsamen Schimmer. Und so fuhr er weiter, weiter, weiter.
Der Eine war inzwischen wieder erwacht, die Sonne endgültig hinter den Wolken verschwunden. Er lief durch ein Flaschenmeer, fiel auf eine solche, rammte sich eine Scherbe unweigerlich in die Hand und lief weiter, ganz andere Bedürfnisse trieben ihn. Kurz vor dem Klo entschied er sich dann doch dazu, die Scherbe vor dem Pinkeln aus der Hand zu ziehen. Blut tropfte auf den vergilbten Teppich.

Der Geisterfahrer fuhr, während das Blutrot und der Gelbe Teppich zu einem seltsamen braunen Fleck wurden, weiter die Landstraße entlang, ohne zu wissen, dass er die Ursache der Sondermeldung war, die er ebenso wie der Andere nur in Fetzen vernommen hatte. Und so fuhr er und fuhr. Die leere Straße lag vor ihm, abseits war nur der Straßengraben, abgeerntete Felder und ein Stück Kiefernwald.
Gleiches sah der Andere. Nadelwald. Heuballen. Autos die einem auf der einspurigen Straße entgegen kommen. Er brauchte etwas Zeit um zu begreifen, dass nun gerade er, er, der vorhin noch Notversorgung leistete, nun auf dieser gottverdammten Landstraße auf den Geisterfahrer treffen musste. Instinktiv riss er das Steuer nach Rechts und landete im Nadelwald. Er stieg aus und lief auf die Straße zu.
Der Geisterfahrer für seinen Teil hatte ähnliche Gedankengänge und setzte sein Auto ins Feld. Auch er stieg aus und lief auf die Straße zu.
- „Nun passen Sie doch auf, sie Idiot. Die Straße geht nur ortauswärts, das wissen ja sogar die beschissenen Anarcho-Radfahrer.“
- „Sie sind der Geisterfahrer! Sie sind der Geisterfahrer“ brüllte der eigentliche Geisterfahrer herum. „Ich habe Familie, Kinder. Was glauben Sie, was passiert wäre, wenn ich nicht reagiert hätte! Sie hätten 3 Kindern zu Waisen gemacht.“
- „Schnauze. Du bist der Geisterfahrer, nicht ich. Die Straße geht nur ortsauswärts, nicht zum Ort hin. Also markiere hier nicht den Kenner.“ Der Geisterfahrer schwieg, weil er etwas suchte.
Auch der Eine suchte etwas. Eine Pinzette! Denn dummerweise war er beim Verlassen der Toilette noch mal in die Scherbe getreten, die vorher aus seiner Hand entfernt und achtlos auf den Boden geworfen hatte. Den Mull hatte er nach Verarztung der Hand gleich draußen gelassen und die Entscheidung bewies sich als Richtig. Denn das Blut begann zu spritzen.
Und das nicht in der Wohnung in dem Ort, durch den ein Rinnsaal führt, sondern auch auf der Landstraße, wo sich der Andere und der Geisterfahrer, der kein Geisterfahrer sein wollte, gegenüber standen, oder besser gesagt, der Andere inzwischen gekrümmt vor dem Geisterfahrer lag, der sein gutes, altes Armeemesser zurück in seine Hosentasche geführt hatte.
- „Wichser. Wegen dir Geisterfahrer und deinen Scheißprovokationen muss ich jetzt zum Ort und einen Krankenwagen rufen.“ brüllte der Geisterfahrer den gekrümmten Anderen an, und lief unbekümmert seiner Unlogik in Richtung Ort. Der Andere krümmte sich derweil, stand dann aber auf und lief den Geisterfahrer in gebührenden Abstand hinterher. Seine Sachen hatten eine rote Färbung angenommen.
Inzwischen war der Eine vermullt und konnte nun endlich das erledigen, was er schon tun wollte, bevor er fiel. Den Inhalt des Päckchen verkosten. Und so entnahm er eines der vielen Marmeladengläser und öffnete es.
- „Der Teufelskerl hat es wieder geschafft“ sagt er halblaut vor sich hin, als eine Gestalt an sein Fenster klopfte. Widerwillig bewegte er sich zur Tür und öffnete sie.
- „Ich muss telefonieren, ein Mann liegt verletzt auf der Straße.“
- „Aha.“
- „Es ist dringend, er blutet stark.“
- „Warum?“
- „Eine Stichwunde.“
- „Gibt es jetzt Messerstecherbanden in diesem kleinen Ort. Die Kriminalität…“
- „Kann ich jetzt telefonieren?“
- „Nein. Mein Telefon ist abgestellt, habe die Rechnungen seit zwei Jahren nicht mehr bezahlt. Auch das Wasser wurde mir vor einer Woche abgedreht.“
- „So sehen sie auch aus.“ sagte der Geisterfahrer und lief in Richtung Dorfgasthof, wo er nach einiger Diskussion einen Krankenwagen rief. Als er den Gasthof verließ, stand die Gestalt, die ihn nicht telefonieren lassen wollte, mit einer Schrotflinte vor ihm.
- „Wollen wir mal sehen, wer hier wen demütigt. Auf die Knie.“ Der Geisterfahrer tat was der Eine sagte und beschmutzte seine weißen Cordhosen auf der verdreckten Dorfstraße, das war unverzeihlich. Es begann zu regnen.
- „Ich lasse mich ungern bei meinen Geschäften stören und schon gar nicht lasse ich mich von irgendwelchen dahergelaufenen Typen als Penner darstellen.“
Etwas schleppte sich von hinten heran. Der Eine hatte den Finger inzwischen an den Auslöser bewegt.
- „Irgendwelche Versicherungsvertreter oder Bullen habe ich überhaupt nicht gerne, besonders nicht, wenn sie in meinem Privatleben rumschnüffeln. Ist das klar?“
- „Lass ihn“, brüllte der Andere mit letzter Kraft, „das ist nur ein harmloser, orientierungsloser Irrer.“
- „Vater?“ der Eine drehte sich um und sah seinen Vater fallen. Fallen und liegenbleiben. Ewig. Da half auch der Abtransport ins Krankenhaus nichts mehr, denn der Krankenwagen traf erst recht spät ein.
Der Eine, der Sohn, hatte inzwischen den Geisterfahrer, den Messerstecher, auf das Feld abseits seines Hauses getragen. Den Messerstecher, den hatte er über der Schulter. Der atmete nicht mehr, was bei einer Kugel in der Stirn auch in den seltensten Fällen vorkommt. Mit der Schaufel, die er in seinem Schuppen hatte, hob der Sohn ein großes Loch aus und verbuddelte den Messerstecher. Lebendig.
Als die Polizei nach vier Stunden eintraf, die Beamten hatten zuvor noch drei entlaufende und blutrünstige Ponys eines Kinderbauerhofes einfangen müssen, was ihnen, da sie keine Cowboys waren, schwer fiel und den Sohn tot mit einer breiten Schnittwunde am Hals mit dem Kopf auf dem Tisch und daneben ein Armeemesser fanden, waren sie nicht verwundert. Die Gerüchte in dem Dorf waren ja recht eindeutig gewesen, was die Lebenslust des Mannes anging. Diagnose: Selbstmord, nach Mord am Vater mit Armeemesser.
500 Kilometer entfernt vertickte ein ehemaliger Geisterfahrer, der nicht nur eine Schrottkugel im Kopf überlebt hatte, aus einer zugeschippten Grube gestiegen war, einen Selbstmord inszeniert, das Auto seines ersten Opfer mitabgeschleppt und irgendwo weit draußen verbrannt hatte, das Koks in den Marmeladengläsern und war froh, das er das Auskommen seiner Familie für zwei weitere Monate gesichert hatte.