Die Gelbe Gefahr

Um es kurz zu machen, hier geht es nicht um China. Sondern um eine viel größere Gefahr, eine Gefahr für meine Gesundheit, eine Gefahr, der ich zwangsweise ausgeliefert bin. Jede gute Horrorgeschichte hat ein bedrückendes Setting. Das Schloss des Grauens, das verweste Motelzimmer, die Kanalisation – die ganze Ausstrahlungskraft des Schrecklichen sammelt sich im „ES“ gegenüber des Bahnhofes.
Das „ES“ besteht aus zwei Räumen, einem, in dem ein Bankautomat und riesige Schränke stehen, in denen Gestalten unterschiedlichster Coleur ihren Kram lagern, oder es von den halbtäglichen Bewohnern des „ES“, sie seinen hier einmal als „DAS“ bezeichnet, einsortieren lassen. Im zweiten Raum des „ES“, eben jener Raum, der das „ES“ ausmacht, befindet sich ein langer Schalter, Tische auf denen Kissen stehen, auf denen man Briefmarken anfeuchten kann, und ein Regal, in dem sich teure Umschläge und Selbstbastelkartons für Pakete unterschiedlicher Größe stapeln.
Der Masochist, so mancher mag ihn auch Kunde nennen, reiht sich also in die Schlange anderer Masochisten ein und wartet geduldig, sowie ich mit 40 gewollten Büchersendungen in der Hand, die nicht verschlossen sind, zum Schaffot gerufen zu werden. Nun bin ich also dran. Mutig, mit der schrecklichen Gewissheit im Hinterkopf, dass es sich um einen Ort handelt, an dem man nicht Kunde, sondern störend ist. Service hat einen Namen, steht auf ihren Schild, den Namen habe ich vergessen, sie den Service. „DAS“ hat rote Haare, eine einigermaßen modische Brille und just zuvor eine Frau angeblafft, weil sie es gewagt hatte, nach zu fragen, ob ein heute nicht zugestelltes Paket schon in der Post wäre. Neben DAS steht SUPER-DAS hinter dem Schalter. SUPER-DAS ist ein ganz besonderes Exemplar von Beamten. Er verkauft erst 100 Briefmarken und erklärt danach, dass es auch ein günstigeres Angebot gibt. Ich lege behutsam meine Büchersendungen auf den Tresen von DAS.
- „Da fehlt ’ne Klammer. Das fällt raus, wenn sie das so verschicken.“
- „Okay. Ich hätte trotzdem gerne 40 Briefmarken.“
- „Was gedenken Sie jetzt zu tun?“
Ich bin ein ruhiger Mensch, der vieles erträgt und ein große Toleranz aufweist, aber nicht um jeden Preis:
- „Ich gedenke jetzt Briefmarken zu kaufen, nach Hause zu gehen, die Briefe ordnungsgemäß zu präparien und sie dann mit Briefmarken zu bekleben und zu verschicken. “
- „Na dann ist gut.“
Die Bürokraten hatten einen ersten Punktsieg errungen. Nun holte ich zum Gegenschlag aus:
- „Welche Form muss die Klammer haben?“
- „Sie nehmen einen Tacker und machen ein Loch in den Umschlag. Dann kaufen Sie diese Klammern, deren beiden Enden man verbiegen kann.“
Und so verließ ich das Moloch, welches sich als Postamt schimpft, mit der Erkenntnis, dass ein Tacker neuerdings Löcher machen kann und 40 nicht verschickten Briefsendungen, 40 Postwertzeichen a 85 Cent und schlechter Laune. Bei einem Schreibwarengeschäft besorge ich dann noch Musterbeutelklammern (so heißen die Dinger), lochte 40 Briefumschläge, führte 40 Musterheftklammern durch 40 Löcher, leckte 40 Briefmarken mit der Aufschrift „70 Jahre irgendwas“ ab und schmiss 40 Büchersendung in den kleinen Briefkasten um die Ecke. Eine Frau hinter mir staunt nicht schlecht:
- „Passen da meine Briefe auch noch rein?“
Das ist wohl das schönste Schlusswort für eine Horrorgeschichte, in welcher der Protagonist durch schweißtreibende Arbeit zumindest zeitweilig erlöst ist. Doch ES ist unsterblich und aus jedem DAS, welches zu einem SUPER-DAS wird, folgt ein neues DAS nach.


3 Antworten auf “Die Gelbe Gefahr”


  1. 1 Rieke 20. Dezember 2007 um 23:19 Uhr

    achja die Deutsche Post, nennen wir das Problem doch mal beim Namen ;)
    Ich glaube eine der Qualifikationen die man mitbringen muss um da anzufangen ist: 0 Toleranz und 0 Sozialkompetenz, aber auf der anderen Seite so kann man tagtäglich seine Agressionen abbauen und bekommt dafür noch Geld :D

    Ich glaube ich sollte auch bei der Post anfangen *muahahahaha*

    Die gelbe Rieke (Jaha ich bin auch ne Gefahr)

  2. 2 Mädchen aus Ostberlin 23. Dezember 2007 um 13:59 Uhr

    Der alltägliche Wahnsinn Wunderbar Witzig aufbereitet. So einfach schafft mensch sich ein neues WWW.

  3. 3 Eva 06. Januar 2008 um 14:36 Uhr

    Wenn Du das noch steigern möchtest, dann musst Du gegen 17 Uhr in eine solche Filiale gehen – eine möglichst zentrale. Dort gibt es 5 oder 6 Schalter, man könnte meinen, damit wären Kapazitäten vorhanden, die einen größeren Ansturm bewältigen können. Geöffnet ist auch in der Rush Hour nur die Hälfte.

    In diesem Sinne: Viel Spaß beim ausprobieren

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