Archiv für Dezember 2007

Kein schöner Land

Liebe Freundinnen und Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,

dies ist eine Premiere. Das erste Mal gelangt eine Kurzgeschichte an die Öffentlichkeit, in der
a.) 3 seltsame Personen,
b.) eine Landstraße und
c.) blutrünstige Ponys
eine Rolle spielen, und gar so lang ist, dass sie mit einem „More“-Button versehen werden muss.

Kein schöner Land

Und so gingen sie die Straße entlang. Jene eben so lange und doch einzige Straße dieses Dorfes, welches von einem schmalen Rinnsaal durchzogen wird, welches irgendwann mal ein Fluss gewesen sein mag. Es regnet, wie meistens.
- „Ich erlebe meistens den Regen. Die Sonne verschlafe ich. Aber eigentlich will ich sie auch gar nicht mehr sehen, sie erinnert mich an glückliche Zeiten. Die will ich aber hinter mir lassen.“
- „Hör auf zu saufen, das ist der beste Ratschlag, den ich dir geben kann.“
Das war das Ende des Gespräches zwischen den Beiden. Der mit dem guten Ratschlag bog nun ab, ließ den Einen im Regen stehen, stieg in sein Auto, ein ziemlich klapprigen Golf, und fuhr davon. Das Päckchen hatte er da da gelassen. Die Notversorgung. Der Eine fand es wie üblich im Vorzimmer seines Hauses, in das er zurück gekehrt war, nachdem der Andere ihn hatte stehen lassen. Er öffnete es. Alles wie üblich, alles in Ordnung. Und so legte er sich hin und schlief, während es draußen aufklarte.
Der Andere machte sich Vorwürfe. Selbstmitleid hasste er, für Leider hatte er auch kein Verständnis, schon gar nicht wenn dieses Leid selbstverschuldet war. Aber hätte er die Person wirklich allein lassen sollen? Wenn sich die Gerüchte bewahrheiteten, die im Dorf herumgingen, wäre das ein Fehler gewesen.
- „Sondermeldung.“ Das Radio war angesprungen, kurz nach der bedeutungsvollen Ansage war alles andere unverständlich. Auf dem Sender hörte man nur noch ein unverständliches Krisseln.
- „Verdammte Scheiße. Wo leben wir hier? Ist ja wie in einem Entwicklungsland!“ keifte der Notversorger.
-“Geisterfahrer“, wieder war das Radio kurz da, um sich dann endgültig zu verabschieden. Wenigstens schien jetzt die Sonne ein wenig, bevor sich die nächste Wolke vor sie schob, und verlieh den nassen Grasflächen einen seltsamen Schimmer. Und so fuhr er weiter, weiter, weiter.
Der Eine war inzwischen wieder erwacht, die Sonne endgültig hinter den Wolken verschwunden. Er lief durch ein Flaschenmeer, fiel auf eine solche, rammte sich eine Scherbe unweigerlich in die Hand und lief weiter, ganz andere Bedürfnisse trieben ihn. Kurz vor dem Klo entschied er sich dann doch dazu, die Scherbe vor dem Pinkeln aus der Hand zu ziehen. Blut tropfte auf den vergilbten Teppich.
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Biosprit

Das musste jetzt auch mal gesagt werden.

Fast ohne Worte

Wer noch mal den Beweis brauchte, dass die Typen der Wiener AIK (Anti-Imperialistische Koordination) etwas an der Waffel haben, kann sich deren ironisch versetzte, in der politischen Botschaft leider völlig ernst gemeinte, Weihnachtsgeschichte aus anti-imperialistischer Sicht durchlesen. Es treten auf: römische Faschisten, zionistische Vasallen, ein Engel Hassan der drei Hirten, die von Zionisten unterdrückt werden, Sprengstoffgürtel, Kassam und Kalashnikov bringt und die fröhliche Kunde der Geburt des Mahdi Hugo verkündet. Na dann.

Die 5 besten Alben

Die besten 5 Alben dieses Jahres, alphabetisches geordnet, denn für eine Platzierung konnte ich mich nicht entscheiden.

Bad Religion – New Maps of Hell

Das Bad Religion kein zweites „Suffer“ oder „Against The Grain“ produzieren würden, war nun (leider) von Anfang an klar. Trotzdem haben die, nun inzwischen auch schon etwas in die Jahre gekommenen Herren, mit „New Maps of Hell“ ein Album produziert, welches immer noch um Längen besser ist, als all das was manche „frische“ Band so abliefert. Und mit „Honest Goodbye“ und „Requiem For Dissent“ sind auch zwei richtige „Hits“ dabei und auch der Rest ist überdurchschnittlich gut, mal einmal abgesehen vom Opener „52 Seconds“.

Bad Religion – The New Dark Ages

Machine Head – The Blackening

Ich hatte Machine Head über die Jahre aus den Augen verloren, das letzte Album der Band, welches ich im Schrank zu stehen habe, stammt immerhin auch schon von 2001. Mit „Supercharger“ hatten sie damals ein Album produziert, was sich ganz gut im heute schon wieder vergessenen Nu-Metal Bereich bewegte (das sie davor Trash-Metal spielten war mir zu dem Zeitpunkt nicht bewusst). Um so überraschter war ich, als ich „The Blackening“ hörte. Kein Rap oder ähnliche Spielereien mehr, sondern ein ordentlicher Doublebasseinsatz, nicht zu wenig Melodie und epische Songlängen. Einzelne Songs herauszustellen täte dem Album unrecht, vor allem deswegen, weil eben alles wunderbar zusammenpasst. Für mich die Überraschung des Jahres.

Machine Head – Aesthetics Of Hate

Tocotronic – Kapitulation

Genauso wie ich Bad Religion-Fan bin, bin ich auch Tocotronic-Fan und so war zu erwarten, dass dieses Album, sollte es nicht totaler Tiefschlag sein, in einer Bestenliste auftauchen würde. Und Tocotronic haben nicht enttäuscht, sie haben ein Album eingespielt, dass wie seine beiden Vorgänger musikalisch und textlich großartig ist. Die besten Songs des Albums sind meines Empfindens nach „Mein Ruin“ und „Verschwör dich gegen dich“, und auch der Rest vom Fest: toll.

Tocotronic – Verschwör dich gegen dich

Turbostaat – Vormann Leiss

Auch bei Turbostaat muss ich gestehen, dass sie mir bisher nur vom Namen bekannt waren. Aber mit „Vormann Leiss“ hat die Band aus Schleswig-Holstein ein Album produziert, dass sowohl vom Gesang als auch von der Instrumentation noch klar deutschsprachiger Punk ist, aber Turbostaat sind anders, besser und textlich sowieso besser als 95% ihre Genre-Kollegen. Auch auf diesem Album findet sich kein Ausfall, das hohe Niveau das zu Beginn u.a. „Mit Frosch hats versaut“ vorgelegt wird, bis zum Ende gehalten.

Turbostaat – Haubentaucherwelpen

The Weakerthans – Reunion Tour

Erst zu Weihnachten bekommen, aber schon hier dabei. The Weakerthans sind eben eine ganz besondere Indieband. Die Kanadier haben ein wunderschön trauriges Album auf CD gepresst. Hier gibt es nichts zu meckern. Auch einzelne Songs herauszuheben wäre mehr als unfair. Und so gilt es für mich, sich nun einmal endlich die Vorgängeralben dieser Band zuzulegen. Solange wird „Reunion Tour“ aber sicherlich noch oft im CD-Player rotieren.

The Weakerthans – Civil Twillight

Der Volksbefreiergnom

Heute ist der 24.12, Heiligabend. Sofern sich noch (kleine) Kinder im Haushalt befinden, muss sich die einzig wichtige Frage gestellt werden: wer bringt denn nun die Geschenke, der Weihnachtsmann oder das Christkind?

Für Menschen mit christlich-religiösen Hintergrund ist die Frage relativ einfach zu beantworten, für Freunde von Logik von Lügen durchaus auch. Denn das Christkind kommt ungesehen, ein zentraler Vorteil der Christkindlüge gegenüber der Weihnachtsmannlüge, die im dreigeschößigen Mietshaus mit Zentralheizung so ihre Legitimitätsprobleme haben dürfte.

Auch der 08/15-Standard Dummdeutsche hat das schlagende Argument für das Christkind und gibt es auch gerne in Computerforen preis:

Weihnachtsmann??????? Wer ist das? Also ich kenn nur das Christkind und die andere Scheiße bleibt in Amerika, von denen haben wir eh schon zu viel!

Christkind als Waffe gegen „amerikanischen Kulturimperialismus“, vor dem einige „Linke“ ja auch so eine große Angst haben.

Was machen nun aber religions- und logikfeindliche fanatische Amerikahasser? Der Weihnachtsmann, als Symbol des „amerikanischen Imperialismus“ steht dem Christkind, jenem christlich-religiösen Symbol gegenüber.

Die Nazis verleg(t)en sich darauf „Julfest“ zu feiern und dabei rumzukokeln:

Für die Familie wurden Weihnachtsbücher mit Vorschlägen zur Festgestaltung herausgegeben. Der Christbaum sollte in „Jultanne“ umbenannt werden und Frau Holle den Nikolaus und das Christkind als Gabenüberbringer ablösen. Christliche Symbolik wie das Kreuz beim Schmücken der Häuser sollten durch ein riesiges Hakenkreuz bzw. Sonnenrad ersetzt werden, so sollte dies zum Beispiel aus Goldpapier auf der Baumspitze stehen.

Das Julfest wurde 1935 erstmals im großen Rahmen im Freien mit der typischen Feuer- und Lichtsymboik der Nationalsozialisten gefeiert. In Parteinähe (z.B. Organisationen wie die HJ) wurde die Umwandlung der Weihnachtszeit großteils erreicht.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Julfest#Das_Julfest_im_Nationalsozialismus

Und Anti-Imps? Die hassen Weihnachten – und finden keinen so rechten Ersatz zu Christkind und Weihnachtsmann. Vielleicht sollten sie einen „Volksbefreiergnom“, mit der palästinensische Fahne als Hose, der der Hisbollah und PFLP als T-Shirt, einer Baskenmütze auf dem Kopf, einem Sack geknüpft in einem kurdischen Dorf im „Widerstand“, erfinden. Je nach aktueller Stimmung bringt er den Kindern Bildbände über die „Ethnische Säuberung in Palästina 1948″, Chavez-Ikonenfiguren oder ein Abo der „jungen Welt“. Die Rute „Selbstzweifel“ gibt es bei schweren Vergehen gegen die „Solidarität unter den Völkern“.

Prost, frohe Weihnachten und der Linken viele Ruten des Volksbefreiergnoms.

Antisemitismus von Links II

Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk für alle Interessieren lässt auf dem Blog „riot propaganda“ finden. Dort gesammelt sind Vorträge für Antisemitismus, sowohl allgemeiner Art, und eben speziell den aus dem linken Lager.

Tucholsky (mal wieder)

Gestern war der 72 Todestag von Kurt Tucholsky. Während sich Menschenmassen durch Buchgeschäfte, Parfüm- und CD-Abteilungen quetschen, weil sie noch nach den letzten Weihnachtsgeschenken suchen (bei Rieke ist das sehr schön dokumentiert), stehe ich beruhigt vor dem Regal mit den Reclam-Bändchen. Goethe, Niebelungenlied in zweisprachiger Ausgabe und eben „Gedichter, Lieder, Couplets“ von Tucholsky. Ein mit 4€ für seine Größe reichlich teures Bändchen, aber eine schön3 Auswahl an mehr („Rosen auf den Weg gestreut“, „Deutsches Lied, „Der Graben“) und leider weniger bekannten („Zwei Erschlagene“, wird am geeigneten Datum herausgekramt; „Drei Minuten Gehör“) Gedichten. Leider sind die Texte nicht mit einem Erscheinungsdatum versehen, auch wenn sie laut Nachwort chronologisch geordnet sind.

Eine schönere Aufforderung endlich etwas zu tun, gibt es wahrscheinlich nicht:

Monolog mit Chören

Ich bin so menschenmüde und wie ohne Haut.
Die andern mag ich nicht – sie tun mir wehe.
Wenn ich nur fremde Menschen sehe,
lauf ich davon – wie sind sie derb und laut!
Ich bin so müde und wie ohne Haut!
(Chor der Arbeitslosen): Das ist ja hervorragend interessant, Herr Tiger!

Ich spinn mich selig in die Schönheit ein.
Schönheit ist Einsamkeit. Ein stiller Morgen
im feuchten Park, allein und ohne Sorgen,
durchs Blattgrün schimmert eine Mauer, grau im Stein.
Ich spinn mich selig in die Schönheit ein . . .
(Chor der Proletariermütter): Wir wüßten nicht, was uns mehr zu Herzen ginge, Herr Tiger!

Ich dichte leis und sachte vor mich hin.
Wie fein analysier ich Seelenfäden,
zart psychologisch schildere ich jeden
und leg in die Nuance letzten Sinn . . .
(Chor der Tuberkulösen): Sie glauben nicht, wie wohl Sie uns damit tun, Herr Tiger!

Ich dichte leis und sachte vor mich hin . . .

(Alle Chöre): Wir haben keine Zeit, Nuancen zu betrachten!
Wir müssen in muffigen Löchern und Gasröhren übernachten!
Wir haben keine Lust, zu warten und immer zu warten!
Unsre Not schafft erst deine Einsamkeit, deine Stille und deinen Garten!
Wir: Arbeitslose, welke Mütter, Tuberkelkranke wollen heraus
aus euerm Dreck in unser neues Haus!
Wir singen auch ein Lied. Das ist nicht fein.
Darauf kommts auch gar nicht an. Und wir stampfen es euch in die Ohren hinein:

Völker, hört die Signale!
Auf zum letzten Gefecht!
Die Internationale
Erkämpft das Menschenrecht -!

via http://gedichte.ws0.org/kurt_tucholsky/gedichte16.html

Die Gelbe Gefahr

Um es kurz zu machen, hier geht es nicht um China. Sondern um eine viel größere Gefahr, eine Gefahr für meine Gesundheit, eine Gefahr, der ich zwangsweise ausgeliefert bin. Jede gute Horrorgeschichte hat ein bedrückendes Setting. Das Schloss des Grauens, das verweste Motelzimmer, die Kanalisation – die ganze Ausstrahlungskraft des Schrecklichen sammelt sich im „ES“ gegenüber des Bahnhofes.
Das „ES“ besteht aus zwei Räumen, einem, in dem ein Bankautomat und riesige Schränke stehen, in denen Gestalten unterschiedlichster Coleur ihren Kram lagern, oder es von den halbtäglichen Bewohnern des „ES“, sie seinen hier einmal als „DAS“ bezeichnet, einsortieren lassen. Im zweiten Raum des „ES“, eben jener Raum, der das „ES“ ausmacht, befindet sich ein langer Schalter, Tische auf denen Kissen stehen, auf denen man Briefmarken anfeuchten kann, und ein Regal, in dem sich teure Umschläge und Selbstbastelkartons für Pakete unterschiedlicher Größe stapeln.
Der Masochist, so mancher mag ihn auch Kunde nennen, reiht sich also in die Schlange anderer Masochisten ein und wartet geduldig, sowie ich mit 40 gewollten Büchersendungen in der Hand, die nicht verschlossen sind, zum Schaffot gerufen zu werden. Nun bin ich also dran. Mutig, mit der schrecklichen Gewissheit im Hinterkopf, dass es sich um einen Ort handelt, an dem man nicht Kunde, sondern störend ist. Service hat einen Namen, steht auf ihren Schild, den Namen habe ich vergessen, sie den Service. „DAS“ hat rote Haare, eine einigermaßen modische Brille und just zuvor eine Frau angeblafft, weil sie es gewagt hatte, nach zu fragen, ob ein heute nicht zugestelltes Paket schon in der Post wäre. Neben DAS steht SUPER-DAS hinter dem Schalter. SUPER-DAS ist ein ganz besonderes Exemplar von Beamten. Er verkauft erst 100 Briefmarken und erklärt danach, dass es auch ein günstigeres Angebot gibt. Ich lege behutsam meine Büchersendungen auf den Tresen von DAS.
- „Da fehlt ’ne Klammer. Das fällt raus, wenn sie das so verschicken.“
- „Okay. Ich hätte trotzdem gerne 40 Briefmarken.“
- „Was gedenken Sie jetzt zu tun?“
Ich bin ein ruhiger Mensch, der vieles erträgt und ein große Toleranz aufweist, aber nicht um jeden Preis:
- „Ich gedenke jetzt Briefmarken zu kaufen, nach Hause zu gehen, die Briefe ordnungsgemäß zu präparien und sie dann mit Briefmarken zu bekleben und zu verschicken. “
- „Na dann ist gut.“
Die Bürokraten hatten einen ersten Punktsieg errungen. Nun holte ich zum Gegenschlag aus:
- „Welche Form muss die Klammer haben?“
- „Sie nehmen einen Tacker und machen ein Loch in den Umschlag. Dann kaufen Sie diese Klammern, deren beiden Enden man verbiegen kann.“
Und so verließ ich das Moloch, welches sich als Postamt schimpft, mit der Erkenntnis, dass ein Tacker neuerdings Löcher machen kann und 40 nicht verschickten Briefsendungen, 40 Postwertzeichen a 85 Cent und schlechter Laune. Bei einem Schreibwarengeschäft besorge ich dann noch Musterbeutelklammern (so heißen die Dinger), lochte 40 Briefumschläge, führte 40 Musterheftklammern durch 40 Löcher, leckte 40 Briefmarken mit der Aufschrift „70 Jahre irgendwas“ ab und schmiss 40 Büchersendung in den kleinen Briefkasten um die Ecke. Eine Frau hinter mir staunt nicht schlecht:
- „Passen da meine Briefe auch noch rein?“
Das ist wohl das schönste Schlusswort für eine Horrorgeschichte, in welcher der Protagonist durch schweißtreibende Arbeit zumindest zeitweilig erlöst ist. Doch ES ist unsterblich und aus jedem DAS, welches zu einem SUPER-DAS wird, folgt ein neues DAS nach.

Marco ist wieder da…

…und die taz bringt die Ursache für den Medienhype auf den Punkt:

(….) Einmal unterstellt, Marco hätte nicht in der Türkei, sondern in England in U-Haft gesessen, das Gericht hätte geschlampt, das Verfahren sich in die Länge gezogen. Wäre der Marco-Rummel in diesem Fall vorstellbar? Natürlich nicht. Nur der Umstand, dass der Schüler in der Türkei im Knast saß, kann die Metamorphose eines der versuchten Vergewaltigung angeklagten Jugendlichen zum quasi politischen Gefangenen in Feindesland erklären. Ein Opfer der feindlichen islamischen Justiz, die unseren christlichen Jungen festhält. Dieser ganze Aufruhr soll durch eine achtmonatige U-Haft erklärt werden? Hunderte, nicht zuletzt in deutschen Abschiebeknästen, schmoren monatelang unter menschenunwürdigen Bedingungen nach obskuren Anschuldigungen im Gefängnis, und kein Bischof kräht danach. Zum Gefangenen des Jahres wird man nur, wenn man in Feindesland im Knast festgehalten wird. Platte Islamfeindlichkeit und dumpfer Türkenhass sind der Resonanzboden, auf der Marcos Heldengeschichte gediehen ist. Schlechte Nachrichten aus Deutschland.

Quelle: taz

Sozialdemokratie im Fokus

Viel wird zur Zeit über die Zukunft der Sozialdemokratie geschrieben. Die beste Analyse hat allerdings Kurt Tucholsky 1921 geschrieben. Der neigte Leser ersetze einfach Scheidemann durch Gabriel und Weissmann durch Beck – fertig.

Sozialdemokratischer Parteitag

Wir saßen einst im Zuchthaus und in Ketten,
wir opferten, um die Partei zu retten,
Geld, Freiheit, Stellung und Bequemlichkeit.
Wir waren die Gefahr der Eisenwerke,
wir hatten Glut im Herzen – unsre Stärke
war unsre Sehnsucht, rein und erdenweit.
Uns haßten Kaiser, Landrat und die Richter:
Idee wird Macht – das fühlte das Gelichter …
Long long ago –
Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Wir sehn blasiert auf den Ideennebel.
Wir husten auf den alten, starken Bebel –
Wir schmunzeln, wenn die Jugend revoltiert.
Und während man in hundert Konventikeln
mit Lohnsatz uns bekämpft und Leitartikeln,
sind wir realpolitisch orientiert.
Ein Klassenkampf ist gut für Bolschewisten.
Einst pfiffen wir auf die Ministerlisten …
Long long ago –
Das ist nun heute alles nicht mehr so.

Uns imponieren schrecklich die enormen
Zigarren, Autos und die Umgangsformen –
Man ist ja schließlich doch kein Bolschewist.
Wir geben uns auch ohne jede Freite.
Und unser Scheidemann hat keine Seite,
nach der er nicht schon umgefallen ist.
Herr Weismann grinst, und alle Englein lachen.
Wir sehen nicht, was sie da mit uns machen,
nicht die Gefahren all …
Skatbrüder sind wir, die den Marx gelesen.
Wir sind noch nie so weit entfernt gewesen,
von jener Bahn, die uns geführt Lassall‘!

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