Zur BDK von Bündnis 90/Die Grünen

Die Entscheidung gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen war mit 40% zu 60% leider sehr deutlich. Im Folgenden ein nunmehr 83 Jahre altes Gedicht von Kurt Tucholsky, gewidmet all jenen Delegierten, die gestern gegen ihre Grundeinkommens-Überzeugung stimmten, um keine Bild-Schlagzeilen zu produzieren oder um nicht den Bundesvorstand zu beschädigen:

Ruhe und Ordnung

Wenn Millionen arbeiten, ohne zu leben,
wenn Mütter den Kindern nur Milchwasser geben –
das ist Ordnung.
Wenn Werkleute rufen: »Laßt uns ans Licht!
Wer Arbeit stiehlt, der muß vors Gericht!«
Das ist Unordnung.

Wenn Tuberkulöse zur Drehbank rennen,
wenn dreizehn in einer Stube pennen –
das ist Ordnung.
Wenn einer ausbricht mit Gebrüll,
weil er sein Alter sichern will –
das ist Unordnung.

Wenn reiche Erben im schweizer Schnee
jubeln – und sommers am Comer See –
dann herrscht Ruhe.
Wenn Gefahr besteht, dass sich Dinge wandeln,
wenn verboten wird, mit dem Boden zu handeln –
dann herrscht Unordnung.

Die Hauptsache ist: Nicht auf Hungernde hören.
Die Hauptsache ist: Nicht das Straßenbild stören.
Nur nicht schrein.
Mit der Zeit wird das schon.
Alles bringt euch die Evolution.
So hats euer Volksvertreter entdeckt.
Seid ihr bis dahin alle verreckt?
So wird man auf euern Gräbern doch lesen:
sie sind immer ruhig und ordentlich gewesen.

Theobald Tiger
Die Weltbühne, 13.01.1925, Nr. 2, S. 68,
wieder in: Mona Lisa.

Nach: Textlog.de