„Antisemitismus in Teenie-Köpfen“

Jugendliche in Deutschland „wissen“ heute:

So sind über die Hälfe der Befragten der Meinung, dass Juden zu viel Einfluss auf das Weltgeschehen hätten. (…) Eines der verbreitetsten Stereotype sei das vom „reichen Juden“. Aber nicht allein das Klischee besorgt, sondern auch dessen Ursprung: Das habe man ihnen in der Schule so beigebracht, verteidigten sich die Jugendlichen. (…) Die Aussage „Die in Deutschland lebenden Juden sollten in allen Bereichen die gleichen Rechte haben wie die übrigen Deutschen“ lehnten über 20 Prozent ab.

Auf die Frage nachdem „Wieso“ gibt es folgenden Ansatz:

Die meisten Heranwachsenden hätten so wenig Kontakt zu jüdischen Altersgenossen, dass sie das Judentum nur über die Beschäftigung mit dem Holocaust kennenlernten. Juden seien in den Augen vieler vergleichbar mit einer nationalen Gruppe.

Die andere Antwort ist unangenehmer: antisemitisches Gedankengut hat nie aufgehört in den Köpfen eines nicht zu kleinen Teil der Bevölkerung zu existieren und pflanzt sich mit „Updates“ innerhalb der Generationen fort. Denn Otto- und Ronny-Normalverbraucher wissen neben oben genannten „Fakten“ heute ebenfalls ganz genau, dass „die“ Israelis jeden Tag Palästinenser umbringen und bilden mit gutem Gewissen Sätze die mit: „Was die Juden mit den Palästinensern machen….“ beginnen. Ob der empörte deutsche Nachrichtenkonsument jemals nachvollziehen kann, wie es ist, jeden Tag mit der Angst vor einem „palästinensischen Freiheitskämpfer“ Bus zu fahren; wie es ist, in Pizzerien und Restaurants zu sitzen, in dem noch vor 4 Jahren regelmäßig Bomben hochgingen; in einem Dorf zu leben, auf das regelmäßig Katuschja-Raketen niedergehen, ist fraglich. Die meisten Deutschen wollen von der Shoa nichts mehr hören, für sie ist jeder israelischen Militäreinsatz, ob legitim oder nicht, ein Beweis mehr, dass „die nicht besser sind als wir“.

Aufklärung tut da bitter not, der Einfluss von jüdischer Religion, Kultur und gerade jiddischer Sprache auf das Hochdeutsche, sollte mehr gewürdigt werden. Mindestens genauso wesentlich ist aber auch eine Beschäftigung mit dem Konflikt in Nahost, der über das übliche: „Die Israelis sind das Unglück der Palästinenser“ hinausgeht. Wer das verneint, muss sich die Frage gefallen lassen, ob es besser ist, wenn künftige Relativierungssätze mit „Einer meiner besten Freunde ist Jude, aber…“ oder „Israel hat ein Recht auf Existenz, aber…“ beginnen.

Quelle: http://www.taz.de/nc/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=in&dig=2007%2F11%2F07%2Fa0099&src=GI&cHash=47103bf6b5