Archiv für September 2007

Evolutionärer Rückschritt

Die Atomenergie ist weltweit auf dem Rückzug. Zum Jahresbeginn wurden 7 Reaktoren (1) in Europa abgeschaltet. Medial findet das kaum Beachtung. Durch den Bau des finnischen Reaktors „Olkiluoto 3″ wird vielmehr das Bild erzeugt, dass sich Deutschland mit dem „Atomkonsens“ auf einem Sonderweg befinde.

Im Mai 2002 beschloss das finnische Parlament mehrheitlich den Neubau eines AKWs in Finnland und damit den ersten Reaktorneubau in Europa seit der Katastrophe von Tschernobyl 1986. Der Druckwasserreaktor EPR sollte ohne staatliche Beihilfen gebaut werden und Ende 2009 ans Netz gehen.

Die Abkürzung EPR steht ausgeschrieben für „European Pressurized Water Reactor“. Das Konzept des EPR basiert auf einem, von Siemens und dem französischen Staatskonzern Framatom, in den 90er Jahren entwickelten Druckwasserreaktor. Nach der Fusion der Framatom mit der nuklearen Sparte von Siemens zum Konzern Avera NP wurde das Modell weiter entwickelt. Nach Angaben des Konzern soll es sich bei Olkiluoto 3 um einen „große[n] fortschrittliche[n] Druckwasserreaktor mit evolutionären Merkmalen“ handeln (5). Die Kosten von 3 Millarden Euro (2) sind für einen Reaktor solcher Größe unrealistisch kalkuliert, nach Expertenansicht sind eher 4 Milliarden Euro wahrscheinlich (3).

Die vorgeblich „evolutionären Merkmale“ liegen in dem, gegenüber jetzigen Reaktoren, veränderten Sicherheitskonzept. Allerdings muss dieses kritisch bewertet werden. Schon auf Grund seiner Leistung von 1600 MW ist der Reaktor nach Ansicht der atomkritischen Ärzteorganisation IPPNW nicht so konstruiert, dass eine Kernschmelze ausgeschlossen werden kann (6). Im Fall einer Kernschmelze soll das nukleare Material in ein Keramikauffangbecken, dem Core Catcher, auf einer Rampe hinunter gleiten, sich gleichmäßig verteilen und dort mit Wasser gekühlt werden. Das Becken muss allerdings völlig trocken sein. Andernsfalls, so wies der saarbrückner Prof. Dr. Reimann nach, könne es bei Kontakt mir der Schmelze zu Explosionen kommen, die Menge des Wasser sei dabei unwesentlich.

Zudem soll in dem Reaktor eine digitale Leittechnik zum Einsatz kommen, die bei einem Test im Atomkraftwerk Neckarwestheim-1 versagte. Der deutsche Meiler besitzt im Gegensatz zu dem, sich im Bau befindlichen, Reaktor Olkiluoto 3 allerdings noch ein analoges Sicherheitssystem. Auch bei den Sicherheitssystemen kommen weiterhin vor allem „aktive Sicherheitssystem“ zum Einsatz, die Strom benötigen, statt passiven, die nach einfachen physikalischen Naturgesetzen funktionieren.

Und natürlich produziert der vermeintlich „moderne“ Reaktor, genauso viel Atommüll wie seine Vorgänger und wirft genauso viel atomwaffenfähiges Material ab. Auch das Uranerz muss weiterhin gewonnen werden. Bei dem ersten Reaktornachbau seit 1986 handelt es sich also mitnichten um den so oft propagierten großen Wurf.

Fünf Jahre nach dem Beschluss des Parlamentes und knapp eineinhalb Jahre nach der Grundsteinlegung ist von der Euphorie nicht mehr viel übrig geblieben. Beim Bau des Reaktors wurde gefuscht: der Beton ist porös, da die Betonmischung fehlerhaft war. Das fiel erst auf, nachdem bereits 40.000 von 250.000 Kubikmetern Beton gegossen wurden (siehe 2). Im März stellte die finnische Strahlenschutzbehörde STUK weitere Baumängel fest, zu denen sie sich aber nicht weiter äußerte. (7) Die Bauverzögerungen belaufen sich inzwischen auf knapp 6 Monate. Für den Konzern Areva NP könnte das Schadenersatzansprüche von 600 Millionen Euro bedeuten, die mit den üblichen Vertragsstrafen ein erheblichen wirtschaftlichen Schaden darstellen, denn inzwischen wird davon ausgegangen, dass der Reaktor erst Ende 2010 oder gar 2011 ans Netz gehen kann. (8) Auch kommt der Reaktor keinesfalls wie beschlossen ohne staatliche Subventionen aus. So wird sein Bau durch einen niedrigen Staatskredit von 2,9% finanziert (9). Vorzugskredite erhält das Projekt durch die Bayrische Landesbank und die französische Exportkreditagentur Cofarce. Normalerweise sichert letztere der Exportprojekte in risikoreiche Entwicklungs- und Schwellenländer ab. (10)

Inzwischen wirken Sätze aus Pressemitteilungen der Atomlobby eher lächerlich. So hatte das „Deutsche Atomforum“ am Tag des Beschlusses jubiliert, dass die Finnen eine verantwortungsvolle Lösung für ihre drängenden Energieprobleme gefunden hätten. Für Schadenfreude ist allerdings kein Anlass, da es auf Grund des Prestigecharakters des Projektes nicht davon auszugehen ist, dass das Projekt aufgegeben wird, steigt mit zunehmenden Zeitdruck auch die Wahrscheinlichkeit von bautechnischen Fehlern und damit auch die Gefahr für viele Menschen.

(1) http://www.taz.de/pt/2007/01/05/a0106.1/text
(2) http://www.taz.de/pt/2006/02/20/a0117.1/text
(3) http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/projekte/euroreaktor/dereuroreaktor.htm
(4) http://www.kernenergie.net/r2/de/Presse/Pressearchiv/DAtF/artikel/2002-05-24_Finnlands_Entscheidung.php
(5) http://www.areva-np.com/scripts/info/publigen/content/templates/show.asp?P=1655&L=DE&SYNC=Y
(6) http://www.ippnw.de/Atomenergie/Atomenergie_&_Sicherheit/article/Sicherheitstechnische_Defizite_des_Europaeischen_Druckwasser-Reaktors_EPR.html?swip=ad400090d4f325e9ca8d3304800947c8
(7) http://www.x1000malquer.de/pa61117.html
(8) http://de.wikipedia.org/wiki/Areva_NP
(9) http://www.ippnw.de/Atomenergie/Atom-Privilegien/?swip=3cb2fb6c5ea5b806960c65945ec7fcf2
(10) http://www.eurosolar.de/de/index.php?option=com_content&task=view&id=514&Itemid=8

Turn into a revolution?

Wie die taz unter Berufung auf NGOs berichtet, wandeln sich die Proteste in Birma:

Im Norden der ehemaligen Hauptstadt Rangun schießen Soldaten aufeinander. Und in der zweitgrößten Stadt Mandalay verweigern Soldaten den Befehl. Das berichtet die Nichtregierungsorganisation (NGO) Helfen ohne Grenzen der taz, sie beruft sich auf Kooperationspartner in Birma.

Danach sollen Soldaten der 66. Division in der Stadt Okkalappa nahe Rangun ihre Waffen gegen die reguläre Armee gewendet haben. Die rebellierenden Teile der Armee verteidigen die Demonstranten, es habe heftige Gefechte zwischen den rivalisierenden Einheiten gegeben.

Quelle: taz

Das Blatt scheint sich zu wenden, die Schwachstelle in einem Militärstaat, die einzelnen Soldaten, kommen zum tragen. Damit bekommt nun auch die Debatte in Europa einen anderen Schub, denn jetzt ist der Protest eben nicht mehr friedlich, es scheint gar eine revolutionäre Situation zu entstehen. Die Sympathisanten der Birmesischen Demokratiebewegung müssen sich nun fragen: Unterstützen wir auch einen gewaltsamen Revolutionsversuch?

Update: So schnell kann sich das Blatt wenden. Die Militärmacht hat vorläufig gesiegt, leider.

Waren gut, haben sich trotzdem getrennt (II)

Das letzte Album von „Snapcase“ – End Transmission (mir fehlt es schwer, „Bright Flashes“ als richtiges Album zu zählen) war mein erstes. Konzeptalben gibt es im Hardcore nicht oft, Snapcase haben trotzdem eines gemacht. Und zwar konsequent: im Booklet gibt es Texte zu Songs, die es auf der CD nicht gibt, die aber den Handlungsstrang fortführen. Mein Lieblingssong dieser CD ist „Exile Etiquette“.

Hört man ihr vorletztes Album „Designs For Automotion“ kann man auch den Schritt verstehen, den die Band mit „End Transmission“ gegangen. Sie lösten sich aus ihrem alten Hardcoreshema und auch das Artwork änderte sich. Hatten vorher Zeichnungen des Künstlers Limbert Fabian das Artwork wesentlich geprägt, hielten nun Fotos Einzug.


Snapcase – Typecast Modulator

Für eine Band aus der Straight-Edge Szene, also jene Hardcore-Bewegung, die Drogenfrei und vegetarisch, in den meisten Fällen aber vegan lebte, waren Snapcase erstaunlich wenig mitteilungsbedürftig, was ihre Auffassung diesbezüglich anging.


Snapcase – Caboose

2005 erfolgte die Auflösung. 4 Regulären Alben innerhalb von 14 Jahre Existenz. Die Jungs haben sich vor allem Zeit gelassen. Der musikalischen Qualität hat es nicht geschadet.

Letzte Alben (I): Breach – Kollapse

Ein Flugzeug das zu einer Notlandung auf dem Wasser ansetzt, auf der Rückseite fliegt es gegen ein Bergmassiv. An sich kein besonderes CD-Cover. Vor gut 5 Jahren, als die Erinnerung an den 11. September noch frischer waren, mussten sich Breach wegen ihrem grau-weißen Cover Fragen gefallen lassen. Das Artwork war allerdings schon vorher fertig.

Was ist „Kollapse“? Vor allem eins: schwer verdaulich. Ruhige Instrumentalstücke treffen auf typische kurze Noisestücke. Und mal vermischen sich beide Elemente. Glockenspiel, schwere Gitarren und Gekreische. Überhaupt der Gesang. Ein Journalist der britischen Musikzeitung „Kerrang“ hielt den gesungenen Text für Schwedisch. Doch eigentlich ist es nur schlechtes Englisch.

Und was macht „Kollapse“ so besonders? Eben gerade diese schwere Verdaulichkeit. Nicht das durchgedrückte Gaspedal zählt, sondern die beklemmende Atmosphäre des Albums. Die Songs ergeben vor allem im Albenzusammenhang Sinn. Herauslösbar ist der Hit (wenn man das so nennen möchte) „Lost Crew“, den es auch beim ehemaligen Label „Burning Heart“ zum kostenfreien Download gibt.

„Kollapse“ stellte das letzte Album von „Breach“ da, lösten sie sich doch bald darauf auf.