Große Alben – The Shape Of Punk To Come

Hätten sich Refused nach ihrem Album „Songs to Fan the Flames of Discontent“ aufgelöst, sie wären wohl als gute und hochpolitische Hardcore-Band aus der nordschwedischen Stadt Umea in Erinnerung geblieben, die mit „Rather Be Dead“ einen Song geschrieben hatten, der nah daran war, das Prädikat „Klassiker“ zu erhalten. Mit „The Shape Of Punk To Come“ sind sie aber zur Legende geworden.


Refused – Rather Be Dead, Live in Umea, 1997

So radikal wie ihre politischen Ansichten, war aber auch der der Stilwechsel, den Refused mit „The Shape Of Punk To Come“ vollzogen. Patrick T. Daly durfte eine Art Vorwort im Booklet verfassen und bereitet den/die HörerIn darauf vor, dass er/sie eben nicht ein Standard-Refused Album in den Händen hält.

„What are they doing?“ might be a question that is asked after the first spin of this record (…) While the past albums there were the hints of revolution, embedded in the lyrics and layout, in this album, the entire product conveys this suggestion of revolution.

Und tatsächlich: Jede Band, die meint Punk oder Harcore neu erfunden zu haben, muss sich unweigerlich mit Refused und „The Shape Of Punk To Come“ messen lassen – die meisten werden spätestens dann scheitern.

New Noise – Halber Überhit

Der Hit des Albums ist zweifelsfrei „New Noise“. Der Song selbst entfaltet sich aber nicht als singulärer Song, so wie er auf MTV in Heacy Rotation lief, sondern vor allem eingebettet im Album. Ihm voran geht das Instrumental „Bruitist Pome #5″, dass nahtlos in den Song übergeht, und dessen Elemente in „New Noise“ in den elektronischen Parts zu Beginn wieder aufgenommen werden. „New Noise“ endet damit, dass sich Lyxzen beim imaginären Publikum bedankt. Dieses Live-Element wird im nachfolgenden „Refused Party Program“ wieder aufgenommen, da es mit einer Ansage beginnt. Die mit einem Satz endet, den selbst Lyxzens Nachfolgeprojekt „The International Noise Conspiracy“ noch gerne nutzt: „Capitalism is indeed organized crime and we are all the victims.“ Zur Populärität von „New Noise“ mag auch das großartige Musikvideo beigetragen haben.


Refused – New Noise

Wenig beachtet – David Sandström

Wie so oft steht bei Bands der/die SängerIn im Vordergrund, bei Refused mag das sich noch verstärken, weil sie mit Dennis Lyxzen ja auch keinen Frontmann haben, der sich sonderlich zurück nehmen würde. Was würde übrig bleiben von am ehesten als klassisch zu bezeichnen Hardcore-Songs wie „The Deadly Rhythm“ wen nicht David Sandström sie entsprechend gut spielen würde? Gleiches gilt insbesondere auch für den Song „The Shape of Punk to Come“. Bei einer Bewertung der musikalischen Leistung muss vor allem auch David Sandströms Leistung stärker beachtet und bedacht werden.


Refused – The Deadly Rhythm, Live in Irland 1998

Songs für die radikale globalisierungskritische Bewegung

Das Jahr 1999 steht symbolisch für das Jahr, in dem die globalisierungskritische Bewegung auf die Bühne trat. Mit „Worms of Senses/Faculties of Skull“ haben Refused den Song geliefert, der all das ausdrückt was zumindest der radikale Teil der Bewegung will. Im ersten Teil („Worms of Sense“ wird im Booklet konsequenterweise als Song 0 gesehen) thematisieren sie das Verhältnis zur Arbeit. Der zweite Teil wartet mit dem Bild auf: „I took the first bus out of Coca-Cola city“. Dieses sprachliche Bild ist deswegen interessant, weil man es zweierlei deuten kann. Einerseits als Markenkritik, andererseits als Absage an den Kapitalismus, denn so heißt es im Booklet erklärend:

Their products are death and they are the salesman of corruption and power abuse. (…) They are the machine that must be stopped


Refused – Worms of Senses/Faculties of Skull, Live in Irland 1998

Was macht das Album besonders?

Radikale linke Lyrics an sich sind im Punk eigentlich ja keine Seltenheit. Auch im deutschen Raum gibt es genügend Beispiele dafür. Entscheidend aber ist, wie Refused ihre Ansichten auf „The Shape Of Punk To Come“ transportieren. Sie fordern vom Hörer eben tatsächlich die Lösung von alten Punk-Cliches, eine Revolution in sich selbst. Denn nur wer sich mental öffnet, kann die Welt verändern. Man muss sich nicht zwangsweise mit jeglichen textlichen Inhalt identifizieren, an so mancher Stelle ist da durchaus auch Kritik angebracht. Das künstlerische Ziel eine kritische Öffentlichkeit zu erzeugen, dürfte man teilen, ob man nun KommunistIn, SozialistIn, SozialdemokratIn (na gut), AnarchistIn oder GrüneR ist. „The Shape Of Punk To Come“ sollte als das „Keine Macht für Niemand“ einer neuen linken Generation gesehen werden und entsprechend wieder eine größere Rolle spielen.

Noch eine Anmerkung zum Schluss: die Livesongs bieten nur einen ungefähren Eindruck. Da sich die Songs nicht immer komplett in ihrer Komplexität umsetzen lassen können, fehlen z.B. die angesprochenen elektronischen Elemente


2 Antworten auf “Große Alben – The Shape Of Punk To Come”


  1. 1 difficultiseasy 11. August 2007 um 15:48 Uhr

    ähem, wenn man von refused spricht sollte man zu „the make-up“ nicht schweigen. von denen haben die nämlich ziemlich arg „geborgt“.

  2. 2 Administrator 11. August 2007 um 19:29 Uhr

    Der „Fall“ sagt mir jetzt nichts – deswegen schweige ich auch zu dem Thema. Über Auferklärung wäre ich erfreut.

    EDIT (nach ein bisschen stöbern): „The (International) Noise Conspiracy“, das Nachfolgeprojekt von Refused, hört sich tatsächlich verdächtig nach „The Make Up“ an.

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